zettbe: das magazin zum jazzfest bonn 2022

[2022]Ausgabe 6 Maria João dasmagazin zumjaz bz ofensnt Freiheit für wen? Stefan Hentz: Steven Walter: Manifestation statt Repräsentation Bert Noglik: Now Is The Time

3 Vorwort Von Peter Materna 4 Intro Von Axel Grundhöfer 10 Now Is The Time Jazz als Soundtrack der afroamerikanischen Befreiungsbewegung Von Bert Noglik 14 Freiheit für wen? Der Jazz und sein Verhältnis zum Begriff Freiheit Von Stefan Hentz 18 Vom Aus- und Aufbrechen Shannon Barnett und Heidi Bayer im Gespräch mit Anke Steinbeck 22 Manifestation statt Repräsentation Von Steven Walter 27 Jazzfest Bonn digital 28 Drei Frauen und der Sound der Freiheit Von Roland Spiegel 32 Freiheit, die ich meine Von Dylan Cem Akalin 36 Schwarz auf Weiß: Die vielen Farben der Pianisten Vier Klavierstars beim Jazzfest Bonn Von Oliver Hochkeppel 40 Der verspielte Perfektionist Stefan Hentz über Silvan Strauß 43 Der Förderpreis des Jazzfest Bonn Unterstützung für den kreativen Nachwuchs 45 Hinweise und Impressum 47 Wir sagen Danke! Unsere Sponsoren und Partner Programmübersicht 48-59 Programm mit Kurzinfos 61 CD-Besprechungen Von Anke Steinbeck 62 Rätselhafter Jazz Von Birgit Einert Tigran Hamasyan Trio am 9. Mai im Post Tower inhalt Zertifiziert klimaneutral gedruckt nach den Richtlinien des Bundesverbands Druck und Medien. Ein Moment der Freiheit von: Daniel Erdmann 13 Olivia Trummer 17 Rebekka Ziegler 25 Vincent Peirani 27 Alma Naidu 31 Ambrose Akinmusire 35 Tigran Hamasyan 39 Andrea Motis 43 Kadri Voorand 44 Roman Sladek 45

Freiheit. Das Leitthema des diesjährigen Magazins. Es ist in bestürzender Weise aktueller denn je. Freiheit ist uns als Grundrecht oftmals nahezu selbstverständlich, die Meldungen, die uns in diesen Wochen erreichen, führen uns jedoch vor Augen, wie fragil sie ist. Freiheit im Jazz hat, wie Sie wissen, eine eigene lange Historie, ihre eigenen Funktionen und Konnotationen. Die Urkraft des Jazz speist sich aus der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, in deren Rahmen sich der Ausdruck von Emanzipation und Freiheit entwickelte und stilprägend wurde. Bis hin zum Free Jazz veränderte sich die Musik immer weiter, in ihr spiegelten sich die gesellschaftlichen Umbrüche kreativ wider, immer zwischen Nostalgie und Aufbruch. Auch heute beruft sich jeder Künstler auf sie, und jeder formuliert aus ihr seinen eigenen Weg. In der nunmehr 6. Ausgabe von zettbe:, das trotz und gerade wegen der aktuellen Ereignisse mit vereinender Kraft in die Zukunft blicken möchte, nähern wir uns dem Thema Freiheit aus der Perspektive von Musik und Kunst. Ich hoffe, mit Ihnen und den eingeladenen Künstlerinnen und Künstlern in 2022 möglichst viele „freie“ Momente live und vor Ort beim Jazzfest Bonn erleben zu können. Sowohl künstlerisch, als auch menschlich. Für zwei Konzert-Stunden die alltäglichen Gedanken beiseite zu schieben und sich überraschen, fordern und eben dadurch auch in besonderer Weise beglücken zu lassen – diese Inseln brauchen wir heute mehr denn je. Vielleicht geht es Ihnen da wie mir? Wenn ich mich auf die Musik in dem Augenblick des Entstehens einlasse, bekomme ich den Kopf „frei“, um mich mit anderen Themen oder Problemen frisch auseinanderzusetzen. Ich gehe oftmals mit einem Gefühl nach Hause, etwas gelernt zu haben. Dann bin ich tief berührt und zufrieden. Auf diesen Zauber und auf die Begegnungen mit Ihnen freue ich mich sehr! Ich danke unseren Autorinnen und Autoren aus Wissenschaft, Kunst und Medien für ihre Beiträge – und Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, liebe Fans und Unterstützer, dass Sie uns in den vergangenen Monaten aus Überzeugung die Treue gehalten haben und damit die Durchführung des Festivals ermöglichen. DANKE! Ich hoffe auf Ihr Interesse beim Lesen und grüße Sie herzlichst bis spätestens beim Jazzfest Bonn im Mai, Ihr Peter Materna Künstlerischer Leiter Liebe Jazzfans, liebe Freundinnen und Freunde des Jazzfest Bonn,

O h r e n s c h m von einem N e t z w e r k -Scheduler und ist grundsätzlich eine Form der Datenratenbegrenzung. Traffic-Shaping ist unidirektional, das heißt, es arbeite Am 27. April findet der „Tag gegen Lärm 2022“ unter dem Motto „Hört sich gut an“ statt. 4

m a u s D a s O h r i s t n i c h t f r e i . Trommelfell Paukengang Schnecke Wir kö nen die Augen schließen, aber nicht die Ohren. O Oszillation e 5

6 Grenz g ä „Ich glaube, dass die Musik eines Tages sehr viel freier sein wird. Let's play the music. And not the background. Ornette Coleman

ä n g e r -3dB G r e n z Wert der Frequenz, bei dessen Ü b e r s c h r e i t u n g die Signalamplitude oder die Modulationsamplitud f r e q u e n z Als harmonisch wird eine Schwingung bezeichnet, deren Verlauf eine Sinus- oder Cosinusfunktion beschreiben kann.

T a t e i a b t a s t t h e o r e m Linker Ton 8

n h e i t die Abtastfrequenz muss m e h r a l s d o p p e l t so groß sein w i e d i e h ö c h s t e F r e q u e n z des abzutastenden Signals. Rechter Ton 9

Bert Noglik N isOtheWti me Jazz als Soundtrack der 10 afroamerikanischen Befreiungsbewegung

Der Ruf nach Freiheit beginnt in der Zeit bitterster Unterdrückung. Sklavinnen und Sklaven, die auf den nordamerikanischen Plantagen bis aufs Blut zur Arbeit ausgebeutet wurden, kommunizierten untereinander in Trommelsprachen, die sie aus Westafrika mitgebracht hatten. Damit begann das, was als Black Codes die Geschichte und Kultur der Schwarzen in den USA durchzieht: Sprachen, Idiome, Gesten, Phrasierungen und Rhythmen, die die Herrschenden fürchteten, weil sie diese nicht dekodieren konnten. Aus Angst vor Rebellion kam es vielerorts zu Trommelverboten. Doch auch diese konnten nicht verhindern, dass sich die Schwarzen auf eine ihnen eigene Weise artikulierten. „Die Lieder und Gesänge von damals“, schrieb der Soziologe und Bürgerrechtler W. E. B. Du Bois in seinem Buch The Souls of Black Folk, „waren erfüllt von einem einzigen Schrei: Freiheit“. Ob und inwieweit Musik im Allgemeinen und Jazz im Besonderen politische Botschaften transportieren kann, ist in akademischen Zirkeln beinahe bis zur Ermüdung diskutiert worden. Dabei reicht selbst ein flüchtiger Blick auf die Geschichte der afroamerikanischen Musik, um zu begreifen, dass diese unter anderem auch als so etwas wie ein Soundtrack zur Befreiungsbewegung gelesen, gehört, verstanden werden kann. Es genügt, an einige Beispiele von höchster Signifikanz zu erinnern, die sich in die kollektive Erinnerung eingebrannt haben. Billie Holiday mit ihrem die Lynch-Morde an Schwarzen anklagenden Strange Fruit, Max Roach und Abbey Lincoln mit We Insist!, der Freedom Now Suite, die einen Bogen schlägt von den frühen Tagen der Sklaverei bis zum alltäglichen Rassismus in den USA und in Südafrika, Archie Shepp mit seiner Fire Music und dem Epitaph auf Malcolm X, mit The Cry of My People und Attica Blues oder Charles Mingus mit seinen Fables of Faubus. ➜ Bert Noglik, Jazzpublizist, langjähriger Leiter von Festivals, Konzertreihen und musikalischen Projekten, gestaltet kontinuierlich Jazzsendungen im Rundfunk. 11

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13 Ein Moment der Feiheit von: Daniel Erdmann Das Aki Takase und Daniel Erdmann Duo spielt am 18. Mai im Beethoven-Haus. Solidarität kam auch vom anderen, dem weißen Amerika, so von Charlie Haden und Carla Bley mit ihrem Liberation Music Orchestra. Die Liste könnte seitenlang fortgesetzt werden. Während Sonny Rollins die Intention seiner Freedom Suite lediglich im Titel des Albums zum Ausdruck brachte und einstecken musste, dass die eingeschüchterte Plattenfirma das Werk aus dem Verkehr zog und wenig später unter dem entschärften Titel Shadow Waltz erneut auf den Markt brachte, war etwa bei Roach und Lincoln der politische Impuls der Musik selbst immanent, was beide auch durch Unterdrückung ihres weiteren Schaffens durch den Kulturbetrieb zu spüren bekamen. Wenn Charles Mingus ein Poem mit dem Titel Freedom vertonte oder wenn Nina Simone mit Mississippi Goddam auf aktuelle Geschehnisse Bezug nahm, stellte sich die Bedeutungsebene vor allem durch den Text dar. Doch tatsächlich „spricht“ vieles in der afroamerikanischen Musik auch ohne verbale Verlautbarungen durch den Gestus, was an die Thematik der Black Codes anschließt. Die Entschlossenheit und Dringlichkeit, mit der Art Blakey Stücke wie den Blues March musikalisch ausformulierte, lässt fast wie von selbst die Bewegung assoziieren, die von den „Sit-ins“ und „Freedom Rides“ zum Marsch auf Washington führte. So, wie sich Martin Luther King in seiner Art zu reden auf die oralen Traditionen, auf Spirituals und Gospels bezog, so wusste er seinerseits auch Jazzmusiker zu inspirieren. Die schwarze Rhetorik und der Jazz schöpfen aus den gleichen Quellen. Martin Luther King schätzte den Jazz, mochte Miles Davis und verehrte Charlie Parker. Als er gebeten wurde, 1964 ein Grußwort für die ersten Berliner Jazztage zu verfassen, schrieb er: „Aus Unterdrückung entsteht neue Hoffnung, ein Gefühl des Triumphes. Der Jazz ist eine triumphierende Musik.“ In seiner berühmten Rede 1963 in Washington nutzte Martin Luther King die Redewendung „Now is the time“ – nicht ausgeschlossen, dass er sich damit auf einen Titel von Charlie Parker bezog. Es war die neben ihm stehende Gospelsängerin Mahalia Jackson, die ihn dazu bewegte, seine Rede spontan zu ändern, indem sie ihm zuflüsterte „Tell 'm about the dream, Martin“, woraufhin Martin Luther King vom Manuskript abwich und zu einem Chorus ansetzte, der einem mächtigen Saxophonsolo glich – mit Worten von biblischer Kraft die Vision einer Welt in Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit beschwörend. Die Dimension der Freiheit im Jazz betrifft den Ausdruck selbst, das Streben nach Unabhängigkeit von den herrschenden Produktionsbedingungen und Vermittlungsformen, die Selbstorganisation und nicht zuletzt auch die innermusikalischen Prozesse, die Freiheit in der Improvisation, die Umdeutung und Neudefinition von Regeln. So betrachtet kann man auch die Jazzgeschichte über weite Strecken als ein Streben nach Befreiung des Ausdrucks von einengenden Konventionen interpretieren. Unumgänglich, in diesem Zusammenhang an John Coltrane zu erinnern. Obwohl er, was verbale Statements und programmatische Inhalte anbelangt, eine große Zurückhaltung an den Tag legte, erweist sich seine Musik doch zugleich als geradezu überströmend, wenn man sie unter dem Aspekt eines Soundtracks zur afroamerikanischen Befreiung betrachtet. Coltrane kam aus der Tradition der Prediger. Seine Betroffenheit über die Alltagsrealität brachte er in Stücken wie Alabama, das Streben nach universeller Liebe und Freiheit in groß angelegten Werken wie A Love Supreme zum Ausdruck. In der Durchgeistigung und Sublimierung gelang es ihm, sich über seine Zeit zu erheben, während die unmittelbare Erfahrung der Gegenwart die Grundlage seines Schaffens blieb. Viel mehr als im stilistischen Sinne ist er mit dieser Haltung zu einem Vorbild für zahlreiche Musikerinnen und Musiker geworden. Mit der „Black Lives Matter“-Bewegung hat die Reflexion, die Aktualität und Vitalisierung der hier angesprochenen Traditionslinien an Bedeutung gewonnen. Besser gesagt, sie ist wieder sichtbarer geworden, denn sie durchzieht den Jazz als Kontinuum. Insistieren im Sinne von Martin Luther King und Max Roach, das bedeutet Beharren auf der Einlösung eines nicht eingehaltenen Versprechens: Freiheit und Gleichberechtigung. Musiker wie Robert Glasper, Ambrose Akinmusire, Marcus Miller und viele andere wissen dafür ihre Stimme zu erheben. Bereits 2015 hat Marcus Miller im Verein mit dem Rapper Chuck D den Titel I Can't Breathe veröffentlicht. „I can't breathe“, das war der letzte Hilferuf des Afroamerikaners Eric Garner, der im Juli 2014 in New York bei einem brutalen Polizeieinsatz ermordet wurde. „I can't breathe“, das waren auch die letzten Worte von George Floyd, der im Mai 2020 in Minneapolis sein Leben lassen musste, nachdem ihm ein weißer Polizeibeamter neun Minuten und neunundzwanzig Sekunden die Atemluft abgedrückt hatte. Es gab Konzerte, in denen die gleiche Zeitspanne als schweigendes Gedenken eingelegt wurde. Und auch diese Stille ist ein Schrei nach Freiheit. ■

14 Stefan Hentz, freier Journalist. Wahlheimat Altona. Schreibt über alles, was er interessant und relevant findet: Kultur, Musik, Jazz für Die Zeit, Neue Zürcher Zeitung, WDR und andere. Illustration: Sonja Lehnen-Friedrich Freiheit. Für wenD? er Jazz und sein Verhältnis zum Begriff Freiheit Stefan Hentz

war ein magischer Auftritt, mit dem Richie Havens das Woodstock-Festival eröffnete. Weil die als Opener eingeplante Band noch nicht auf dem Festivalgelände eingetroffen war, hatten die Veranstalter Havens, einen noch weitgehend unbekannten, afroamerikanischen Singer/Songwriter, auf die Bühne geschickt. Havens spielte sein ganzes Repertoire, spielte bis ihm nur noch ein Wort blieb, freedom, und immer wieder in verschiedenen Klangschattierungen: freedom. Havens hatte den Gospelklassiker Motherless Child in einem mitreißenden Beat auf der Gitarre zusammen-geschmolzen und nicht viel mehr übrig gelassen als einige Bluesphrasen und den Schrei: freedom. Die Freiheit, die Havens meinte, umriss class und race, und schwang sich auf in die Höhe von liberté, égalité, fraternité, der Dreifaltigkeit der Französischen Revolution. Erst kollektiv, im spannungsreichen Dreiecksverhältnis mit Gleichheit und Brüderlichkeit, entfaltet sie ihre volle, utopische Kraft. In Havens‘ speziellem Fall geht es hier um die Verwirklichung jenes Traumes von Gleichberechtigung, den Martin Luther King auf den Punkt gebracht hatte. Mit seinem Freiheitsruf fordert Havens die kollektive Befreiung vom Alptraum der Sklaverei und ihren fortdauernden Nachwirkungen. Zugleich spannt er einen Bogen zurück in die Geschichte afroamerikanischer Musik in Nordamerika, zu Gospel und Blues, zu den Wurzeln des Jazz also. ➜ 15 nachmittags kurz nach fünf. Es Bethel, 15. August 1969,

Selbst stilisierung des Jazz als rebellische Kraft Jazz ist ein Produkt der Begegnung der Nachkommen von Zuwanderern aus verschiedenen geographischen wie sozialen Herkunftskulturen, von freien Bürgern und abhängigen Arbeitern aus Europa und von den Nachfahren der Versklavten aus Afrika, denen bis zur offiziellen Abschaffung der Sklaverei in vielen Fällen jedweder eigenbestimmte Zugang zu Musik außerhalb der Kirchen verboten war. Schon zu singen, zu trommeln, zu tanzen, konnte als ein Akt der Rebellion gegen die Autorität der Sklavenhalter verstanden werden. Vor diesem Hintergrund hat die musikalische Ausdrucksfreiheit im Jazz für afroamerikanische Jazzmusiker eine deutlich stärker politische Klangfarbe als für diejenigen, die – auf welcher sozialen Stufe auch immer – der dominanten, europäisch definierten Musikkultur angehörten. Und tatsächlich ist es nicht abwegig, die Geschichte zumindest dieses Teils des Jazz als eine Geschichte der Selbstermächtigung zu immer weiteren Ausdrucksfeldern und des Zurückdrängens derartiger Spielverbote, eines Freiheitszuwachses auf der Seite des musikalischen Materials zu interpretieren. 16

Ein Moment der Feiheit von: Olivia Trummer Das Olivia Trummer Trio featuring Kurt Rosenwinkel & Fabrizio Bosso spielt am 19. Mai im LVR-LandesMuseum. Freiheit bedeutet für mich, mit mir selbst im Reinen zu sein. Den eigenen Bedürfnissen Raum zu geben und den eigenen Schwächen mit Humor zu begegnen. Träume zu verfolgen und Fehler zuzugeben. Mich in meinem Tempo weiter zu entwickeln und dabei immer wieder neu kennenzulernen. Nur wer das eigene Wesen spürt und annimmt – in allen Facetten – ist wirklich frei und wird unabhängig von dem bedrückenden Gedanken an ein „Gelingen“. Der Goldfisch im Glas auf der Welle ist auf dem Cover meines neuen Albums For You zu sehen. Es ist eine alte Zeichnung von mir, auf der ich die Distanz und Angst vor dem eigenen Wesen darstellen möchte, die uns oft unnötigerweise das Leben schwer machen. Im Titelsong singe ich: „Don’t be afraid of yourself, you’ve got nothing to lose“. Also nichts wie rein ins eigene Element! 17 An diesem Selbstverständnis hat sich wenig geändert: Bis in die Gegenwart gehört das Bild des rebellischen Jazzmusikers, der mit seinem Spiel – das im Gegensatz zu demjenigen, der im Feld der klassischen, europäischen Kunstmusik operierenden Musiker nicht bis ins Detail vorab festgeschrieben ist – gegen Unterdrückung und die Einschränkung seiner Freiheit aufbegehrt, zu den fundamentalen Mythen des Jazz. Viele Jazzmusiker lieben es, sich als Rebellen oder zumindest politisch relevante Kraft im Dienste des Guten zu inszenieren – und manche sind es ja auch, nur kommt es eben auf den Einzelfall an. Und das Publikum unterstützt diese Inszenierung. Das Problem ist nur: Schon die Voraussetzungen stimmen nicht passgenau. Weder sind Jazzmusiker, die ein Jazzsolo innerhalb der Grenzen eines definierten Stils spielen, frei in ihrem Tun, zumindest nicht in dem Sinn, dass sie im Moment der Improvisation durchweg bewusste Entscheidungen für die oder jene Note, Artikulation, Phrasierung treffen. Selbst im Free Jazz gibt es – ungeschriebene und von Musiker zu Musiker variierende – Routinen und Spielregeln, die den Gang der Dinge regeln. Bluestonalitäten, swingender Puls, In- und Out-Spiel – im weiten Feld des Jazz, zwischen der streng geregelten Kollektivimprovisation, dem harmonisch hochgradig komplexen Bebop und der radikalen freien Improvisation wird bei den einen genau das gefordert, was bei den anderen verboten ist und umgekehrt. Frei sind die meisten allenfalls in einem Hegelschen Begriff von Freiheit, aus selbstbestimmter Einsicht in die Notwendigkeit, also in die Regelhaftigkeit dessen, was sie gerade versuchen. Der Selbststilisierung des Jazz als rebellische Kraft, deren Energiestrom vom immerwährenden Drang nach Freiheit angetrieben wird, steht auch entgegen, dass die Polarität zwischen afroamerikanischen und angloamerikanischen musikalischen Impulsen im Zuge der Globalisierung des Jazz zu einem von vielen Kraftfeldern geworden ist. In anderen Worten: Gegen welche Unterdrückung, gegen welche Ausschlüsse sollten sich beispielsweise die überwiegend weißen und bürgerlich sozialisierten Jazzmusiker beispielsweise in Deutschland auflehnen? Wem sollen sie ihr „freedom“ entgegenrufen? Und um welche Freiheit könnte es dann gehen? Im vergangenen Herbst hat sich in Deutschland eine Gruppe von professionellen Musikern (zu denen auch zahlreiche sehr geschätzte und erfolgreiche Jazzmusiker zählen) zu dem Netzwerk „Musik in Freiheit“ zusammengeschlossen, um gegen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie zu protestieren. Das ist legitim, denn als Berufsgruppe sind Musiker besonders existentiell von Kontaktverboten betroffen, Auftritte fallen aus, Teile des Publikums verzichten auf Konzertbesuche, oder entscheiden sich, auf die geforderten Schutzmaßnahmen zu verzichten. Für Musiker ist das schwierig und existenzbedrohend. Einerseits. Andererseits, so argumentiert das Manifest des Netzwerks, darf niemand „zu einer Impfung genötigt oder im Falle einer Ablehnung der Impfung diskriminiert, erpresst, bedroht, diffamiert, verfolgt, stigmatisiert, isoliert oder in anderer Weise benachteiligt werden“, nicht „durch den Staat, die Wirtschaft oder gesellschaftliche Mehrheiten“. Damit setzen sie nicht nur darauf, dass „jeder Einzelne frei entscheiden kann, unter welchen Umständen ein Konzertbesuch verantwortungsvoll möglich ist“, sondern präsentieren ein Modell von Freiheit, das sich von der Verantwortung für die Folgen des Handelns entbindet und nicht akzeptieren will, dass die persönliche Freiheit an der Freiheit anderer Personen ihre Grenze findet. Diese radikal individualisierte Freiheit wäre eine sehr andere als die kollektive, für die sich Richie Havens im Einklang mit der Frühgeschichte des Jazz in die Bresche warf. ■

Augenscheinlich verbindet die beiden Musikerinnen nicht viel: Beide leben in Köln, beide spielen ein Blechblasinstrument. Doch im Gespräch mit ihnen mehren sich die Gemeinsamkeiten: Shannon Barnett und Heidi Bayer sind beide in Kleinstädten aufgewachsen und fingen in lokalen Bigbands Feuer für den Jazz. Beide gründeten 2018 die für sie wichtigen Ensembles, mit denen sie ihre neuesten Alben beim Jazzfest Bonn präsentieren werden. Gespräche mit zwei Künstlerinnen, die auf den zweiten Blick mehr verbindet, als der Ruf der Freiheit. Anke Steinbeck ist fasziniert von der Kunst der Improvisation. Die Musikwissenschaftlerin und Autorin war von 2014 bis 2020 Festivalmanagerin beim Jazzfest Bonn, aktuell arbeitet sie als Pressereferentin bei der Deutschen Musikrat gGmbH. Für beide war die Klarinette das erste Instrument des Herzens, doch aus zunächst pragmatischen Gründen entschieden sie sich als Jugendliche für das vermeintlich lautere, hervorstechendere Blechblasinstrument. Beide zogen nach ihren Studienjahren in ihre Wahlheimat Köln und fanden – neben ihrer Arbeit als freischaffende Musikerinnen und Komponistinnen – in ihrer pädagogischen Arbeit Erfüllung. Shannon Barnett und Heidi Bayer im Gespräch mit Anke Steinbeck vomauf ub nred cahues n 18

Wenn du im Mai in Bonn auftrittst, werden im Publikum sicherlich einige Leute sitzen, die dich zum ersten Mal erleben. Wie würdest du deine Musik beschreiben? Erwartet uns – um es einmal ganz schwarzweiß zu fragen – eher New Orleans oder Modern Jazz? Shannon Barnett: Es wird vieles dazwischen sein (lacht). Im Ernst: Stilistisch bin ich breit aufgestellt. Es macht mir Spaß in Sub-Genres zu spielen, von New Orleans beeinflusste Musik bis zur freien Improvisation – ich bin offen für verschiedenste Strukturen. Fest steht: Ich komme mit meinem Quartett nach Bonn. Im Gepäck haben wir unsere neue Platte Bad Lover, die im Februar 2022 erst erschienen ist. Welches Gefühl verbindest du mit eurem neuen Album? SB: Ich verbinde mit dem Album das Gefühl des Privilegs, sich die Freiheit nehmen zu können, man selbst zu sein. Wir haben das Album im Sommer 2020 aufgenommen, mitten in der Pandemie. Es ist kein großes Konzept dahinter, wir sind wir. Die Interaktion ist der wichtigste Aspekt bei uns: Wir kennen das Material und uns so gut, dass wir jedes Abenteuer gemeinsam unternehmen können. Wir vertrauen uns – und fühlen uns dadurch frei. Zusammen frei. 2020 bist du mit dem WDR Jazzpreis ausgezeichnet worden in der Kategorie Improvisation. Welche Bedeutung hat die Improvisation in deinem Quartett, wie viel vorgegebene Form braucht ihr, wie viel Freiheit nehmt ihr euch? SB: Am Anfang habe ich bei der Kompositionsarbeit für mein Quartett viel vorgegeben. Inzwischen muss ich nicht mehr so viel vorher kommunizieren. Uns reicht wenig Material, um zusammen musizieren zu können. Das mit der Form und der Freiheit ist so eine Frage. Auch wenn ich in einer New Orleans Band spiele, habe ich trotzdem das Gefühl, mich ausdrücken zu können. Freiheit kann man überall erleben – sie zeigt sich nur immer anders. Du bist Improvisatorin und Posaunistin. Wie kam es dazu? SB: Ich komme vom Land, ging in eine kleine Schule. Ich war in Musik verliebt, in der siebten Klasse konnten wir verschiedene Instrumente ausprobieren. Ich entschied mich für die Klarinette, denn sie ist ein schönes Instrument, unauffällig, ich dachte, ich kann in der Gruppe spielen. Manche Teenager-Mädchen sind so, dass sie sich in einer Gruppe verstecken und sich nicht zeigen wollen. Das Wesen der Improvisation kann in bestimmten Situationen, zum Beispiel in einer Bigband, das Gegenteil sein. Allerdings gab es kein Instrument mehr und so gab man mir die Posaune. Ich verband mit dem Instrument all das, was ich nicht wollte: Sie war laut – ich war schockiert. Zuhause angekommen, versuchte ich die Melodie der Muppet Show nachzuspielen. Und stellte fest, dass Posaune doch ein ziemlich cooles Instrument ist. Aber ich hätte es nie für mich ausgewählt. 2014 wurdest du Mitglied in der WDR Big Band, 2018 tratst du aus, seither bist du vor allem freischaffend tätig. Wie war die Bigband-Arbeit für dich? SB: Ich bin als Jugendliche in einer Bigband sozialisiert worden, es war für mich damals eine der einzigen Möglichkeiten, Jazz zu spielen. Auch die Zeit in der WDR Big Band war für mich spannend und lehrreich. Natürlich hat man im großen Ensemble weniger Freiheiten, sich durch Improvisation auszudrücken. Aber das hatte ich auch erwartet. Stattdessen konnte man mit anderen guten Musikern etwas Neues gestalten. Man konnte Meinungen austauschen, es gibt im Jazzensemble nicht immer nur einen Weg. Es ist eine andere Art von Einfluss, den man nehmen kann. Aber natürlich hat man im Quartett noch mehr Möglichkeiten. Fabian (Schlagzeug) und David (Bass) sind im gleichen Alter, Stefan (Sax) und ich ebenfalls. Zwischen uns beiden Pärchen liegen sieben Jahre. Sie alle sind in Deutschland aufgewachsen, Stefan hat auch in den USA studiert, wie ich. Durch diese verschiedene Lebenserfahrung hat man etwas Anderes zu sagen. Wo hat man studiert, was hört man für Musik, wo ist man hingereist? Diese verschiedenen Einflüsse hört man und ich habe viel von meinen Kollegen gelernt. Seit einigen Jahren unterrichtest du Jazz-Posaune an der Musikhochschule. Lehrst du all deine Studierenden auszubrechen und möglichst viele Erfahrungen zu sammeln? SB: Als Lehrerin muss ich mich immer selber überprüfen und schauen, dass ich offen bleibe. Dass ich nicht sage: Mache es mal so oder so. Das „Outside the box“-Denken ist sehr wichtig. Daher: Ja, das Ausbrechen ist eine wichtige Sache für Künstlerinnen und Künstler. Reisen gehört unbedingt zum Künstlerleben dazu. Wenn man reist, ist es wie ein Spiegel. Man erlebt eine andere Szene, andere Leute. Das alles prägt und beeinflusst die eigene Musik und das, was man zu sagen hat als Künstler. Was zeigt dir dein Spiegel? SB: Das ändert sich ständig. Ich habe in den USA studiert, dort habe ich sozusagen die echte Jazztradition kennengelernt. Ich musste mich fragen, wie wichtig die amerikanische Tradition für mich selber ist – es ist wichtig, die Verbindungen zu kennen und die Herkunft der Musik zu respektieren. Das war mir damals in Australien noch nicht so bewusst. Seither überlege ich bei jedem künstlerischen Schritt, wie meine Verbindung zu der Musik ist, die in den USA entstanden ist. Die Geschichte des Jazz ist nicht unbedingt meine Geschichte, aber es beschäftigt mich als Improviser, was ich zu sagen habe und was ich mir von anderen Kulturen ausleihe. ➜ 19 Shannon Barnett

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21 Wo findest du in künstlerischer Hinsicht Freiheit? Heidi Bayer: Freiheit finde ich vor allen Dingen in der Unabhängigkeit. Für mich ist Freiheit immer damit verbunden, ob ich mich von jemandem, von einem Stil oder Thema unabhängig machen kann. Das ist im Schaffensprozess sehr wichtig. Wenn man zu sehr von etwas abhängig ist, dann ist es schwierig, sich selbst zu finden. Daher versuche ich, wenn ich komponiere, bewusst nicht zu viel zu hören und mich frei zu machen von anderen Einflüssen. Denn alles, was man hört, hat unmittelbaren Einfluss auf das, was man entstehen lässt. Das wäre so, als wenn Picasso, bevor er selber zum Pinsel gegriffen hat, sich erstmal Ausstellungen angesehen hätte, denn dann hätte er wohl nicht das malen können, was in ihm selbst war. Man kann sich nie ganz von Einflüssen freimachen, aber man kann die Einflüsse für einen gewissen Zeitraum von sich schieben und in sich einkehren. Dieser Moment ist für mich eine große Freiheit. Empfindest du denn andererseits einen Druck, auf der Bühne besonders frei und innovativ zu sein? HB: Ja, auf der Bühne ist man als Musikerin bzw. Musiker zwangsläufig omnipräsent. Da kann man gar nicht so frei sein wie beim Komponieren, wo man sich zurückziehen kann. Der Druck ist im Raum, etwas Besonderes oder Freies liefern zu können. Aber je nachdem, wie man sich fühlt, schafft man es, diesen Druck abzuschalten. Wenn das passiert, dann ist es ein besonders schönes Gefühl. Und je mehr man loslassen kann, umso besser kommuniziert man auch mit anderen Musikern, zum Beispiel im Duo. Ist das Format des Duos für dich ein besonders fruchtbares Format? Kannst du da am besten zeigen, wer du bist? HB: Ich würde es nicht so kategorisieren, aber gerade beim Thema Freiheit habe ich das Gefühl, dass man zu zweit die meisten Möglichkeiten hat. Man kann viel schneller interagieren und muss nicht die Interaktionen von den drei, vier, fünf anderen auf dem Schirm haben. Man konzentriert sich im Duo nur auf sich und das Zusammenwirken mit dem Gegenüber und das bringt eine große Freiheit mit sich. Ist das Gegenteil von Freiheit Sicherheit? HB: Als ich nach meinem Studium nach Köln gezogen bin, kannte ich hier noch niemanden und dachte: „Cool, jetzt habe ich super viel Freiheit, denn ich hab ja gar nichts zu tun.“ Gleichzeitig war aber die Kasse leer. Und genau das führte zu einer riesigen Blockade, habe ich festgestellt. Ich hatte alle Freiheiten der Welt, konnte aber nicht entspannt üben und konnte auch nichts zu Papier bringen – ständig herrschte der Gedanke vor, wie ich diesen Monat überlebe. Aus dieser Angst heraus kam ich dann mit der Zeit in eine Art Strudel: Ich war in viele Projekte involviert und habe nicht mehr gecheckt, dass ich es nach ein paar Jahren gar nicht mehr brauche. Ich musste lernen, den Fokus auf meine eigenen Sachen zu lenken und in mich zu vertrauen. Freiheit funktioniert für mich also nur im Zusammenhang mit einem Mindestmaß an Sicherheit. Du hast eine halbe Stelle an der Musikhochschule. Was bedeutet dir das Unterrichten? HB: Das Unterrichten macht mir sehr viel Spaß und ich sehe es als gleichwertige Lebensaufgabe neben dem Spielen und als Erfüllung. Für mich ist klar, dass der pädagogische Bereich der ist, aus dem ich meine Sicherheit schöpfen möchte, ohne mich abhängig zu machen von anderen musikalischen Gegebenheiten. Es gibt mir den Luxus, dass ich nicht unbedingt alle Projekte spielen muss, für die ich angefragt werde bzw. nicht alles, worauf ich keine Lust habe. Das finde ich enorm wichtig und diesen Weg möchte ich auch 2022 weitergehen. Noch mehr schauen, was mir wichtig ist und mehr meine eigenen Sachen machen. Das ist ein großer Schritt. Wie bist du zur Trompete gekommen? HB: Das war eine pragmatische Entscheidung. Ich habe als Kind mit Klarinette angefangen und lange gespielt. Ich hatte aber einen fiesen Lehrer, der laut mit dem Taktstock auf dem Notenständer rumgeklopft hat, damit ich den Takt halte. Irgendwann habe ich aufgehört und bin zu einem Jazzpianisten gegangen – die Auswahl war in so einer Kleinstadt nicht groß genug, als dass es noch andere Klarinettenlehrer*innen gegeben hätte. Dort habe ich Blut geleckt am Jazz. Es war genau das, was mir Spaß macht. Mit der Klarinette konnte ich aber nicht in die Bigband, also musste ich das Instrument wechseln. Aber welches nehmen? In der ersten Reihe der Schüler-Bigband saßen zwölf Saxophone, dahinter zwei Posaunen und zwei Trompeten. Und da dachte ich, ich hätte Lust auf Trompete, mit 17 Jahren habe ich dann umgelernt. Ich hatte allerdings zunächst keine Absicht, Musik zu studieren. Bigband war für mich super wichtig. Es war eine tolle soziale Erfahrung, es hat den Weg zum Solistischen geöffnet, ohne das Spotlight direkt auf mich zu richten. Man konnte in einer Gruppe gemeinsam Musik machen, konnte sich ausprobieren, hat gelernt aufeinander zu hören und auch das Vom-Blatt-Spielen wurde hier trainiert. Mit welchem Programm kommst du nach Bonn? HB: Ich kommt mit meinem DuoPartner nach Bonn, Sebastian Scobel. Wir spielen ein Programm, das wir 2022 als CD herausbringen. Es sind Eigenkompositionen von Sebastian und mir, die Stücke haben sich über die mehrjährige Zusammenarbeit entwickelt. Das Programm heißt Five Noire. Der Titel des Albums basiert auf einem gleichnamigen Stück, das wir am längsten im Programm haben. Es steht exemplarisch für unsere gemeinsame Arbeit. Und wir freuen uns sehr darüber, es bald auf unserem ersten gemeinsamen Album zu haben. ■ Heidi Bayer

22 Was in der musikalischen Praxis des Jazz evident ist, müssen wir in der klassischen Musik immer wieder neu gegen alle Verkrustungstendenzen erarbeiten: Musik ist lebendige Tradition. Es gibt keine Musik ohne ihre Tradition des Musizierens oder Hörens, auf die sie aufbaut oder gegen die sie sich wehrt. Aber zugleich kann Musik jedweder Art schon rein phänomenologisch nicht museal „erhalten“ werden. Sie lebt in lebendiger Einbettung in unserer heutigen Welt, im Hier und Jetzt – oder eben nicht. Musik ist eine Praxis und kein Artefakt. Sie braucht Manifestation, nicht Repräsentation. Steven Walter hat seit November 2021 als Intendant die künstlerische Leitung des Beethovenfestes Bonn inne. Er ist Kurator und Cellist, gründete das PODIUM Festival Esslingen. Illustration: Sonja Lehnen-Friedrich

23 Im Jazz manifestiert sich die Musik in der Freiheit der Improvisation, innerhalb hart erarbeiteter Grenzen eines Stils, eines Geschmacks oder einer bestimmten Tradition. In der sogenannten klassischen Musik – ein eigentlich irrtümlicher Sammelbegriff für alle Musik mit „Werk-Charakter“ von der Renaissance bis heute – entstand ein Kanon, dessen weltweite Erfolgsgeschichte einerseits mit der Großartigkeit der Musik, anderseits auch mit vielen soziologischen und (seien wir ehrlich) kultur-kolonialen Zusammenhängen zu tun hatte. Diese machtvolle Kanonisierung führte unter anderem dazu, dass klassische Musik plötzlich Bildungsinhalt wurde, statt das zu sein, was sie eigentlich ist: Ausdruck der Zeit oder – noch besser – zeitloser Ausdruck in der Jetztzeit. Der Begriff von „Musik als Werk“ hat uns vielleicht auf diese falsche Fährte geführt. Dabei kam es schon Beethoven – mit seinem Schaffen gewissermaßen der Urvater des großen Werkgedankens – reichlich widersprüchlich vor, seine Klavierkonzerte als Werkveröffentlichung letztgültig niederzuschreiben. Denn natürlich waren weite Teile der „Werkausführung“ von Tageslaune, Ort, Mitspieler oder Raum abhängig. Werk und Praxis ergaben ein lebendiges Zusammenspiel. Erst die biographische Katastrophe seines Hörverlustes führte dazu, dass sich notgedrungen das musikalische Werk als „reines Ideengut“ in Form einer Partitur etablierte. Der aufkommende Kapitalismus liebte natürlich die hervorragende Verwertbarkeit dieser Werk-Logik und tat sein Übriges, musikalische Erzeugnisse als Serie von „Meisterwerken“ und nicht als stets neu zu gebärende Ideen zu zementieren. Beethoven würde – nach allem, was wir wissen – lauthals über diese „Diktatur der Partitur“ und die posthume Vereinnahmung und Kanonisierung protestieren, denn sie widerspricht seiner Musik, die immer von Freiheit und Lebendigkeit geprägt ist. Was können wir also tun, um in der Vergangenheit niedergeschriebene Musik in unserer heutigen Zeit aufleben zu lassen? ➜ Manifestation Repräsentation Steven Walter statt

Zunächst stellt sich die notwendige und allzu oft unbeantwortete Frage, ob man sich nun der „Kunst“ oder der „Kultur“ verschreibt. Die Begriffe werden häufig synonym verwendet, es gibt aber entscheidende – wenn auch meist nicht trennscharfe – Unterschiede im Selbstverständnis und in den notwendigen Strukturen, die sich daraus ableiten. Bei der Kultur geht es vielmehr um eine Rückversicherung darüber, in welcher Kultur wir leben, sie repräsentiert unser kulturelles Erbe und pflegt dieses. Bei der Kunst hingegen geht es um den lebendigen Ausdruck der Zeit und die Frage, wie wir leben wollen, sie richtet den Blick also nicht zurück, wie bei der Kulturpflege, sondern nach vorn. Es gibt keine Kunst ohne Tradition, aber nicht ohne Freiheit – und Freiheit geht immer nach vorne und verharrt nicht im Gestern. Wer Musik als Kunst präsentieren will, wird sich daher neuartiger Kontextualisierung klassischer Musik widmen und in allen Dimensionen des Musikschaffens Zeitgenossenschaft leben wollen. Sie wird sich nicht mit der bloßen Reproduktion zufriedengeben. Eine Kultureinrichtung wiederum ist für die Repertoire-Pflege, sozusagen den musikalischen Denkmalschutz, da – sie braucht nicht unbedingt das Neue, Riskante, um ihre Rolle zu erfüllen (und ihre Rolle ist durchaus wichtig). Es erscheint mir, dass mit der Musik aus der Vergangenheit zu viel Kultur und deutlich zu wenig Kunst gemacht wird. Durch ihre bloße Reproduktion in der routinierten Konzertkultur wird sie gewissermaßen entschärft. Die klassische Musiklandschaft bietet also – überspitzt gesagt – Kunst, die weitgehend, von wenigen interpretatorischen Sternstunden abgesehen, zur Denkmalpflege geworden ist. Es sollte jedoch darum gehen, die Wirkkraft der Musik zu reaktivieren. Denn diese Musik kann und will viel mehr, als sich selbst „bewahren“. In der historischen Rückschau zeigt sich, dass sich die Darstellungsform immer wieder aktualisierte und den jeweils zeitgenössischen Gesellschaften und ihren (Hör-)Bedürfnissen anpasste. Konzerte als Orte künstlerischer Erfahrung müssen also heute deutlich mehr leisten, als nur zu reproduzieren – sie müssen sich künstlerisch erneuern. Damit drängt sich die Frage auf, unter welchen Bedingungen zeitgenössische künstlerische Erlebnisse mit klassischer Musik gelingen können. Es geht darum, aus dem Füllhorn des musikalisch Möglichen sinnvolle und sinnliche Programme zu entwickeln, in künstlerischen Abläufen und Formaten zu denken und ein musikalisches Storytelling zu betreiben, das die Werke kontextualisiert und in neues Licht setzt. 24 Praxis... „Musik ist eine

Musik muss als wirkliche Zeitkunst betrachtet werden, die – sofern sie Kunst sein darf – im Moment neu erlebt werden kann. Ansonsten verbleiben wir „Cover-Bands“ des 19. Jahrhunderts, die bis hin zur Kleiderordnung eine Zeit repräsentieren, die nicht unsere ist. Wenn wir Musik als überzeitliches Phänomen betrachten, dann wird auch das anerzogene Genre-Denken zunehmend hinfällig. Die sogenannte klassische Musik wird Teil des Ausdrucksrepertoires des Menschen – neben sehr viel anderer Musik. In dieser Post-Genre-Welt gibt es keine Schubladen, sondern vor allem Neugierde und Räume voller Möglichkeiten. Oft wird ängstlich vom Neuen als Ersatz des Bestehenden gesprochen. Das ist eine überholte Vorstellung, die sich erübrigt, wenn man mit dem Internet aufgewachsen ist. Jüngere Generationen sind es gewohnt, dass das künstlerische und kulturelle Ausdrucksrepertoire im Grunde unermesslich ist. Es ist additiv – wie das Internet oder das Universum: Es wächst, es kommt einfach immer mehr dazu; und die Dinge, die es da gibt, können wie Galaxien in gegenseitiger gravitätischer Schwebe nebeneinander existieren. Manches wird vielleicht vergessen, vieles verpufft in einem Hype, einiges bleibt im aktiven künstlerisch-menschlichen Vokabular. Aber all diese neuen, hybriden Formen, die hier entstehen, lösen nicht unbedingt das Vorherige und Klassische ab, wie in einem Systemupdate. Es gibt auch nicht „das Konzert der Zukunft“ oder „das Programmformat der Zukunft“, sondern es werden viele Formen nebeneinander existieren, die als Gesamtheit die Komplexität der Inhalte und Umgebungen spiegeln. Wenn man sich etwas wünschen kann, dann ein vielfältiges Musikschaffen für eine diverse Welt voller unterschiedlichster Kontexte – eine Vielzahl lebendiger Traditionen, die sich begegnen, reiben und befruchten. Und dass wir als Institutionen und Partner diesen komplementären Zusammenhang verstehen und neue Wege gehen, um ein gemeinsames Vielfaches zu suchen. Bei allem Ernst, von dem die Musik handelt und bei allen Schwierigkeiten, in der heutigen Welt noch Räume für dieses tiefe Hören zu schaffen, sollte zuletzt immer die Freude ein Leitmotiv einer jeden lebendigen Zeitgenossenschaft in der Musik sein. Es gibt offenbar einen wesentlichen inneren Zusammenhang zwischen Freude und Freiheit – auch das wusste Beethoven in wunderbare Töne zu übertragen und wir erleben es in jedem Konzert des Jazzfests. Wer sich freut, ist lebendig und jedenfalls in einem musikalischen Sinne: frei. ■ Ein Moment der Feiheit von: Rebekka Ziegler Wenn ich nach „meinem Moment der Freiheit” gefragt werde, schießen mir viele Situationen und Gedanken durch den Kopf. Und schnell auch grund-philosophische Fragen oder neuartige, egozentrierte Definitionen des Freiheitsbegriffs, wie er in bestimmten Kreisen gerne verstanden und propagiert wird. Aber ich möchte mich auf mein Bauchgefühl, den Instinkt vor den ganzen Fragezeichen und Zerdenkungen, zurück besinnen. Im März 2021 war ich mit meiner Band SALOMEA zum Cologne Culture Stream eingeladen. Wie der Name schon verrät war das ein Streaming-Konzert, live aus dem Club Bahnhof Ehrenfeld in Köln. Eine große Ehre für mich, da ich dort bisher hauptsächlich meine Vorbilder wie Thundercat, Noname oder Sampa The Great erleben durfte. Mit genügend Abstand auf der Bühne, ordentlich LiveEntzug, im Line-Up zwischen Kaleo Sansaa und OK KID und dem Wissen, dass Freunde und Familie von Nonnenweier bis Seattle gerade zusehen, genossen wir unser 40-Minuten-Set. Gegen Ende spielten wir unseren Song Gifts & Duties, der live ziemlich abgeht. In dem Pre-Chorus („I am sick and tired”-Teil oder Quallendisko-Part – wie Leif, Yannis, Oli und ich ihn auch gerne nennen) überkam mich ein solcher Energieschub, der sich scheinbar über Monate angestaut hatte und von meiner Band, der Lightshow und dem Raum extrem angespornt wurde, dass ich einen lauten, inbrünstigen, tiefsitzenden und langanhaltenden Schrei losließ. Und dann nochmal. Und nochmal. In diesen Momenten fühlte ich mich unbesiegbar, vulnerabel und mächtig zugleich. Ich ging an meine Grenzen und überschritt sie, erweiterte meinen Horizont. Zerstörte mir etwas die Stimmbänder, aber Konzerte gab’s eh keine weiteren und für diesen Moment der Freiheit hat sich das gelohnt. Rebekka Ziegler tritt mit Toytoy x Salomea am 28. Mai im Telekom Forum auf. 25 Artefakt.“ ... und kein

30 11.12.2021 – 25.09.2022 Di – Fr 9 – 19 Uhr Sa/So/Feiertage 10 – 18 Uhr Eintritt frei #HeimatSuche Museumsmeile 53113 Bonn www.hdg.de

25_ 9 Das Jazzfest Bonn ist in den sozialen Medien präsent. Bei Instagram, Facebook und YouTube erhalten musikaffine User spannende Einblicke in die Welt des Jazzfest Bonn auf und hinter der Bühne. Der Newsletter hält die Jazzfest-Fans auf dem Laufenden, ausgewählte Musik der eingeladenen Künstler gibt es auf Spotify. Konzertvideos Alle Konzerte des Jazzfest Bonn werden aufwändig mit mehreren Kameras mitgeschnitten. Im Anschluss ans Festival entstehen aus jedem Konzert einzelne Titel, die online zur Verfügung gestellt werden. Eine schöne Erinnerung, die die Vielfalt und die hohe Kunstfertigkeit der Jazzszene dokumentiert und für den Jazz begeistern möchte. www.jazzfest-bonn.de/konzertvideos/ Instagram/Facebook Die beiden sozialen Online-Netzwerke gehören zur Grundausstattung der neuen Medienwelt. Gerade Instagram (@jazzfestbonn) hat sich als das perfekte Medium erwiesen für alle, die ausdrucksstarke Bilder lieben. Das Jazzfest Bonn postet Fotos und Videos von den Konzerttagen, stellt Künstler in kurzen Teasern vor und überrascht mit kleinen Gimmicks. „Musik entdecken“ Ein weiteres Mitglied unserer Medienarbeit ist die Video-Reihe „Musik entdecken“. Mit Künstlern wie Julia Hülsmann, Samy Deluxe, Thomas Quasthoff, Andreas Schaerer oder Lisa Wulff führten wir Interviews, in denen wir den Künstlern Reaktionen auf ernste, lustige oder allgemein musikalische Fragen entlocken. Zuletzt trafen wir z.B. Iiro Rantala, Simon Oslender, Richie Beirach und Christopher Dell und sprachen mit ihnen über ihre Musik, ihre Karrieren und ihr Verhältnis zu Beethoven. Die Antworten finden Sie hier: www.jazzfest-bonn.de/musikentdecken/ Playlist „Jazzfest Bonn 2022“ Jedes Jahr veröffentlichen wir auf Spotify eine Playlist mit ausgewählten Stücken der Künstler des aktuellen Festivaljahres. Genießen Sie zwei Stunden Jazzfest – zu Hause und unterwegs! Newsletter In unserem Newsletter informieren wir Sie per Mail über kurzfristige Angebote und Neuerungen zu den Veranstaltungen, gerade in der turbulenten letzten Zeit hat sich dieser Kommunikationsweg sehr bewährt! Abonnenten erhalten so die neuesten Infos zu allererst, auch verlosen wir hier exklusiv regelmäßig Tickets für unsere Konzerte. Anmeldung zum Newsletter unter: www.jazzfest-bonn.de/ newsletter/ Jazzfest B o n n d igi tal Ein Moment der Feiheit von: Vincent Peirani Das Vincent Peirani Trio ,Jokers’ spielt am 20. Mai im LVR-LandesMuseum. I have many different moments of freedom. One on them is when I wake up between 4 and 4:30 in the morning and I go downstairs in my “room” with my instruments, computer, microphones etc … and it’s so quiet that I feel I’m the only one on earth, and I am completely free to do what I want. I love this early morning mood, feeling. 7

28 Roland Spiegel, geboren in Nürnberg, schreibt seit 1982 über Jazz. Bei BRKlassik in München hat er seit 1998 weit über 1000 Jazzsendungen gemacht. Sein größtes Vergnügen: etwas zu hören, das er noch nicht kennt. Drei Frauen und der Sound der Freiheit Roland Spiegel Markante Jazzstimmen unserer Zeit: Maria João, Alma Naidu und Laura Jurd

29 Im Jahr 1988 war das, bei der Internationalen Jazzwoche Burghausen*. Die portugiesische Sängerin Maria João sang, performte, schauspielerte und tönte eine Solo-Einlage in einem Konzert im Duo mit Pianistin Aki Takase. Ein Festival-Highlight. Ein bannender Moment. Musik von außergewöhnlicher Innigkeit – mit maximalem persönlichen Kolorit. Experimentelle Töne von unbegleiteten Stimmen hatten in den 1980er Jahren Hochkonjunktur – mit Sängerinnen wie Urszula Dudziak, Jeanne Lee, Jay Clayton und Lauren Newton unter dem Namen „Vocal Summit“ und natürlich mit einer Wunderstimme wie der des amerikanischen Sängers Bobby McFerrin. Sie alle sprengten die Grenzen der Ausdrucksformen, blieben nicht beim silbenwirbelnden „Scat“-Gesang, sondern machten auch vermeintlich Geräuschhaftes zu Musik. Oft war ihre virtuose Vokalmusik nicht nur avantgardistisch, sondern auch höchst unterhaltsam. Und das Publikum lauscht gebannt. Mucksmäuschenstill. Kein Geräusch, kein Huster, nur Aufmerksamkeit für eine Frau, die allein mit der Stimme und ohne jedes Instrument im Hintergrund eine Geschichte erzählt, ja – vorlebt: in diesem Fall eine begonnene weibliche Biographie von der Windel bis zum Liebestaumel. * ... und vorher schon im Bonner Kulturforum, späteres Pantheon, am Bundeskanzlerplatz (Anmerkung der Redaktion) So auch bei Maria João, deren freie Improvisationen stets eine berührende Nähe und Intimität hatten. Jazz, eine Musik, von der sie nichts wusste, bevor sie einst durch Zufall damit in Kontakt kam, ist für Maria João „die Musik, die wirklich zu mir passt“, wie sie in einem Interview sagte. „Die Freiheit der Improvisation, das Abenteuer ständigen Wandels“, das war es, was sie an dieser Musik faszinierte. Und was sie bis heute auf der Bühne leidenschaftlich auslebt – mit oft vor Vergnügen blitzenden Augen und tief berührenden Tönen. ➜ Eine Frau alle in im Rampenlic ht. Trällert eine kleine Melodi e. „I am a girl“. Juchzt plötzlich in hohen Tönen. Schreit auf. Formt Worte: Summt ruhig un d tief. Begrüßt in erfreut em Ton ein imag inäres Ge genüber. „Hi, Jack !“ Etwas s päter dann: „Hi , John!“ Sie lässt die Stimme in aufgeregtes Flattern übergehen, sich überschlagen. Atmet rhythmisch. Klopft sich auf die Wangen wie auf kleine Trommeln. Imm er sch nel ler, imm er inte nsi ver . Maria João

Alma Naidu wuchs mit einer Musik auf, die von Jazz und Pop weit weg scheint. Ihre Mutter ist die Opernsängerin Ann-Katrin Naidu, die als Mezzosopranistin viele Opernpartien unter anderem am Münchner Gärtnerplatz- theater und an der Bayerischen Staatsoper sang und 2019 zur Bayerischen Kammersängerin ernannt wurde. Immer wieder kann man die Mutter auch in Konzerten der Tochter erspähen. Ein wichtiger Teil der Ausdrucksfreiheit kommt bei Alma Naidu, die sich bei manchen ihrer Konzerte auch selbst am Klavier begleitet, aus einem großen musikalischen Horizont. Den nutzt sie. Und bringt das mit Worten auch so auf den Punkt: „Nicht bevormundet zu werden (auch als junge Sängerin), sondern sein eigenes Ding zu machen und für eigene Werte einzustehen, ist für mich Freiheit.“ 30 Die junge Münchner Sängerin und Songschreiberin Alma Naidu, ein aufgehender Stern seit zwei Jahren weit über Bayern hinaus, macht mit ebenfalls hinreißender Stimme völlig andere Musik. Auch für sie ist der Begriff der Freiheit sehr wichtig. Dazu gehört, dass sie nicht auf dem Etikett „Jazz“ besteht: „Ich versuche einfach Musik zu schreiben, die ich auch selbst gern hören wollen würde. Da kommen alle möglichen Einflüsse rein – Jazz natürlich, Pop, Soul, Folk, Filmmusik … Musik ist Musik.“ Neben Jazzklassikern wie My Funny Valentine liebt und schätzt sie auch Stücke wie And So It Goes von Billy Joel. Und ihren eigenen Stücken – vor kurzem erschienen auf der CD Alma (Label Leopard) – merkt man an, dass keine Genre-Grenzen die Ausdrucksmittel und die Arrangements bestimmen. Alma Naidu

Ihre Musik darf alles und probiert auch alles. Auch sie pocht nicht auf das Wort Jazz. Dinosaur, so Laura Jurd in einem Interview, spiele „groovige Trompetenmusik“, die „von Rock und Folk beeinflusst“ sei, ausgeführt von „vier Jazz-Sonderlingen“. Auch „geschlechtsspezifische Fähigkeiten“ und Rollen seien in ihrer Generation und ihrem Beruf kein Thema mehr. Die Freiheit dieser hervorragenden Instrumentalistin und beachtlichen Komponistin kommt – wie auch bei Sängerin Alma Naidu und anderen – aus einem starken Selbstbewusstsein. Ein Können, mit dem sie noch so knifflige musikalische Aufgaben meistert – und eine Neugier, mit der sie sich ständig herausfordert: Dinosaurier hatten solche Gaben nicht. ■ 31 Ein Moment der Feiheit von: Alma Naidu Alma Naidu spielt am 21. Mai im Pantheon. Freiheit bedeutet für mich, mein Leben selbst bestimmen zu können. Meinen Tag selbst zu strukturieren, nach meinen Werten leben zu können – frei von gesellschaftlich vorgeschriebenen Normen. Verbunden mit meinem inneren Kind zu sein, das Spaß hat, im Moment lebt, mutig und stark ist. In den Stücken Laura Jurds treffen völlig unterschiedliche Welten aufeinander: Dass diese Musikerin, die am Londoner Trinity College studiert hat, auch für klassische Ensembles komponieren kann, ist immer wieder spürbar; und dann wieder irrlichtert die Musik zwischen Jazz- und Blues-Elementen, Country-Assoziationen und flackernden elektronischen Zutaten. Laura Jurd Die Stimme der 1990 in England geborenen Musikerin Laura Jurd ist die Trompete. Und: die Komposition. Mit ihrer Band Dinosaur begeistert sie seit Jahren Musikfans und Kritiker auch außerhalb Englands und 2019 hat sie in einer 14-köpfigen Besetzung aufhorchen lassen (Album Stepping Back, Jumping In beim Label Edition Records), in der ein Banjo, ein Streichquartett, drei Blechbläser, Klavier, Elektronik und zwei Schlagzeuge eine aufregende, überraschende, inspirierte Musik voller schöner Verrücktheiten spielten. Eine völlige Freiheit von Schubladen ist das. instinct m e m o r y flowstate

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