zettbe: das magazin zum jazzfest bonn 2022

Der Ruf nach Freiheit beginnt in der Zeit bitterster Unterdrückung. Sklavinnen und Sklaven, die auf den nordamerikanischen Plantagen bis aufs Blut zur Arbeit ausgebeutet wurden, kommunizierten untereinander in Trommelsprachen, die sie aus Westafrika mitgebracht hatten. Damit begann das, was als Black Codes die Geschichte und Kultur der Schwarzen in den USA durchzieht: Sprachen, Idiome, Gesten, Phrasierungen und Rhythmen, die die Herrschenden fürchteten, weil sie diese nicht dekodieren konnten. Aus Angst vor Rebellion kam es vielerorts zu Trommelverboten. Doch auch diese konnten nicht verhindern, dass sich die Schwarzen auf eine ihnen eigene Weise artikulierten. „Die Lieder und Gesänge von damals“, schrieb der Soziologe und Bürgerrechtler W. E. B. Du Bois in seinem Buch The Souls of Black Folk, „waren erfüllt von einem einzigen Schrei: Freiheit“. Ob und inwieweit Musik im Allgemeinen und Jazz im Besonderen politische Botschaften transportieren kann, ist in akademischen Zirkeln beinahe bis zur Ermüdung diskutiert worden. Dabei reicht selbst ein flüchtiger Blick auf die Geschichte der afroamerikanischen Musik, um zu begreifen, dass diese unter anderem auch als so etwas wie ein Soundtrack zur Befreiungsbewegung gelesen, gehört, verstanden werden kann. Es genügt, an einige Beispiele von höchster Signifikanz zu erinnern, die sich in die kollektive Erinnerung eingebrannt haben. Billie Holiday mit ihrem die Lynch-Morde an Schwarzen anklagenden Strange Fruit, Max Roach und Abbey Lincoln mit We Insist!, der Freedom Now Suite, die einen Bogen schlägt von den frühen Tagen der Sklaverei bis zum alltäglichen Rassismus in den USA und in Südafrika, Archie Shepp mit seiner Fire Music und dem Epitaph auf Malcolm X, mit The Cry of My People und Attica Blues oder Charles Mingus mit seinen Fables of Faubus. ➜ Bert Noglik, Jazzpublizist, langjähriger Leiter von Festivals, Konzertreihen und musikalischen Projekten, gestaltet kontinuierlich Jazzsendungen im Rundfunk. 11

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