zettbe: das magazin zum jazzfest bonn 2022

13 Ein Moment der Feiheit von: Daniel Erdmann Das Aki Takase und Daniel Erdmann Duo spielt am 18. Mai im Beethoven-Haus. Solidarität kam auch vom anderen, dem weißen Amerika, so von Charlie Haden und Carla Bley mit ihrem Liberation Music Orchestra. Die Liste könnte seitenlang fortgesetzt werden. Während Sonny Rollins die Intention seiner Freedom Suite lediglich im Titel des Albums zum Ausdruck brachte und einstecken musste, dass die eingeschüchterte Plattenfirma das Werk aus dem Verkehr zog und wenig später unter dem entschärften Titel Shadow Waltz erneut auf den Markt brachte, war etwa bei Roach und Lincoln der politische Impuls der Musik selbst immanent, was beide auch durch Unterdrückung ihres weiteren Schaffens durch den Kulturbetrieb zu spüren bekamen. Wenn Charles Mingus ein Poem mit dem Titel Freedom vertonte oder wenn Nina Simone mit Mississippi Goddam auf aktuelle Geschehnisse Bezug nahm, stellte sich die Bedeutungsebene vor allem durch den Text dar. Doch tatsächlich „spricht“ vieles in der afroamerikanischen Musik auch ohne verbale Verlautbarungen durch den Gestus, was an die Thematik der Black Codes anschließt. Die Entschlossenheit und Dringlichkeit, mit der Art Blakey Stücke wie den Blues March musikalisch ausformulierte, lässt fast wie von selbst die Bewegung assoziieren, die von den „Sit-ins“ und „Freedom Rides“ zum Marsch auf Washington führte. So, wie sich Martin Luther King in seiner Art zu reden auf die oralen Traditionen, auf Spirituals und Gospels bezog, so wusste er seinerseits auch Jazzmusiker zu inspirieren. Die schwarze Rhetorik und der Jazz schöpfen aus den gleichen Quellen. Martin Luther King schätzte den Jazz, mochte Miles Davis und verehrte Charlie Parker. Als er gebeten wurde, 1964 ein Grußwort für die ersten Berliner Jazztage zu verfassen, schrieb er: „Aus Unterdrückung entsteht neue Hoffnung, ein Gefühl des Triumphes. Der Jazz ist eine triumphierende Musik.“ In seiner berühmten Rede 1963 in Washington nutzte Martin Luther King die Redewendung „Now is the time“ – nicht ausgeschlossen, dass er sich damit auf einen Titel von Charlie Parker bezog. Es war die neben ihm stehende Gospelsängerin Mahalia Jackson, die ihn dazu bewegte, seine Rede spontan zu ändern, indem sie ihm zuflüsterte „Tell 'm about the dream, Martin“, woraufhin Martin Luther King vom Manuskript abwich und zu einem Chorus ansetzte, der einem mächtigen Saxophonsolo glich – mit Worten von biblischer Kraft die Vision einer Welt in Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit beschwörend. Die Dimension der Freiheit im Jazz betrifft den Ausdruck selbst, das Streben nach Unabhängigkeit von den herrschenden Produktionsbedingungen und Vermittlungsformen, die Selbstorganisation und nicht zuletzt auch die innermusikalischen Prozesse, die Freiheit in der Improvisation, die Umdeutung und Neudefinition von Regeln. So betrachtet kann man auch die Jazzgeschichte über weite Strecken als ein Streben nach Befreiung des Ausdrucks von einengenden Konventionen interpretieren. Unumgänglich, in diesem Zusammenhang an John Coltrane zu erinnern. Obwohl er, was verbale Statements und programmatische Inhalte anbelangt, eine große Zurückhaltung an den Tag legte, erweist sich seine Musik doch zugleich als geradezu überströmend, wenn man sie unter dem Aspekt eines Soundtracks zur afroamerikanischen Befreiung betrachtet. Coltrane kam aus der Tradition der Prediger. Seine Betroffenheit über die Alltagsrealität brachte er in Stücken wie Alabama, das Streben nach universeller Liebe und Freiheit in groß angelegten Werken wie A Love Supreme zum Ausdruck. In der Durchgeistigung und Sublimierung gelang es ihm, sich über seine Zeit zu erheben, während die unmittelbare Erfahrung der Gegenwart die Grundlage seines Schaffens blieb. Viel mehr als im stilistischen Sinne ist er mit dieser Haltung zu einem Vorbild für zahlreiche Musikerinnen und Musiker geworden. Mit der „Black Lives Matter“-Bewegung hat die Reflexion, die Aktualität und Vitalisierung der hier angesprochenen Traditionslinien an Bedeutung gewonnen. Besser gesagt, sie ist wieder sichtbarer geworden, denn sie durchzieht den Jazz als Kontinuum. Insistieren im Sinne von Martin Luther King und Max Roach, das bedeutet Beharren auf der Einlösung eines nicht eingehaltenen Versprechens: Freiheit und Gleichberechtigung. Musiker wie Robert Glasper, Ambrose Akinmusire, Marcus Miller und viele andere wissen dafür ihre Stimme zu erheben. Bereits 2015 hat Marcus Miller im Verein mit dem Rapper Chuck D den Titel I Can't Breathe veröffentlicht. „I can't breathe“, das war der letzte Hilferuf des Afroamerikaners Eric Garner, der im Juli 2014 in New York bei einem brutalen Polizeieinsatz ermordet wurde. „I can't breathe“, das waren auch die letzten Worte von George Floyd, der im Mai 2020 in Minneapolis sein Leben lassen musste, nachdem ihm ein weißer Polizeibeamter neun Minuten und neunundzwanzig Sekunden die Atemluft abgedrückt hatte. Es gab Konzerte, in denen die gleiche Zeitspanne als schweigendes Gedenken eingelegt wurde. Und auch diese Stille ist ein Schrei nach Freiheit. ■

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