zettbe: das magazin zum jazzfest bonn 2022

Ein Moment der Feiheit von: Olivia Trummer Das Olivia Trummer Trio featuring Kurt Rosenwinkel & Fabrizio Bosso spielt am 19. Mai im LVR-LandesMuseum. Freiheit bedeutet für mich, mit mir selbst im Reinen zu sein. Den eigenen Bedürfnissen Raum zu geben und den eigenen Schwächen mit Humor zu begegnen. Träume zu verfolgen und Fehler zuzugeben. Mich in meinem Tempo weiter zu entwickeln und dabei immer wieder neu kennenzulernen. Nur wer das eigene Wesen spürt und annimmt – in allen Facetten – ist wirklich frei und wird unabhängig von dem bedrückenden Gedanken an ein „Gelingen“. Der Goldfisch im Glas auf der Welle ist auf dem Cover meines neuen Albums For You zu sehen. Es ist eine alte Zeichnung von mir, auf der ich die Distanz und Angst vor dem eigenen Wesen darstellen möchte, die uns oft unnötigerweise das Leben schwer machen. Im Titelsong singe ich: „Don’t be afraid of yourself, you’ve got nothing to lose“. Also nichts wie rein ins eigene Element! 17 An diesem Selbstverständnis hat sich wenig geändert: Bis in die Gegenwart gehört das Bild des rebellischen Jazzmusikers, der mit seinem Spiel – das im Gegensatz zu demjenigen, der im Feld der klassischen, europäischen Kunstmusik operierenden Musiker nicht bis ins Detail vorab festgeschrieben ist – gegen Unterdrückung und die Einschränkung seiner Freiheit aufbegehrt, zu den fundamentalen Mythen des Jazz. Viele Jazzmusiker lieben es, sich als Rebellen oder zumindest politisch relevante Kraft im Dienste des Guten zu inszenieren – und manche sind es ja auch, nur kommt es eben auf den Einzelfall an. Und das Publikum unterstützt diese Inszenierung. Das Problem ist nur: Schon die Voraussetzungen stimmen nicht passgenau. Weder sind Jazzmusiker, die ein Jazzsolo innerhalb der Grenzen eines definierten Stils spielen, frei in ihrem Tun, zumindest nicht in dem Sinn, dass sie im Moment der Improvisation durchweg bewusste Entscheidungen für die oder jene Note, Artikulation, Phrasierung treffen. Selbst im Free Jazz gibt es – ungeschriebene und von Musiker zu Musiker variierende – Routinen und Spielregeln, die den Gang der Dinge regeln. Bluestonalitäten, swingender Puls, In- und Out-Spiel – im weiten Feld des Jazz, zwischen der streng geregelten Kollektivimprovisation, dem harmonisch hochgradig komplexen Bebop und der radikalen freien Improvisation wird bei den einen genau das gefordert, was bei den anderen verboten ist und umgekehrt. Frei sind die meisten allenfalls in einem Hegelschen Begriff von Freiheit, aus selbstbestimmter Einsicht in die Notwendigkeit, also in die Regelhaftigkeit dessen, was sie gerade versuchen. Der Selbststilisierung des Jazz als rebellische Kraft, deren Energiestrom vom immerwährenden Drang nach Freiheit angetrieben wird, steht auch entgegen, dass die Polarität zwischen afroamerikanischen und angloamerikanischen musikalischen Impulsen im Zuge der Globalisierung des Jazz zu einem von vielen Kraftfeldern geworden ist. In anderen Worten: Gegen welche Unterdrückung, gegen welche Ausschlüsse sollten sich beispielsweise die überwiegend weißen und bürgerlich sozialisierten Jazzmusiker beispielsweise in Deutschland auflehnen? Wem sollen sie ihr „freedom“ entgegenrufen? Und um welche Freiheit könnte es dann gehen? Im vergangenen Herbst hat sich in Deutschland eine Gruppe von professionellen Musikern (zu denen auch zahlreiche sehr geschätzte und erfolgreiche Jazzmusiker zählen) zu dem Netzwerk „Musik in Freiheit“ zusammengeschlossen, um gegen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie zu protestieren. Das ist legitim, denn als Berufsgruppe sind Musiker besonders existentiell von Kontaktverboten betroffen, Auftritte fallen aus, Teile des Publikums verzichten auf Konzertbesuche, oder entscheiden sich, auf die geforderten Schutzmaßnahmen zu verzichten. Für Musiker ist das schwierig und existenzbedrohend. Einerseits. Andererseits, so argumentiert das Manifest des Netzwerks, darf niemand „zu einer Impfung genötigt oder im Falle einer Ablehnung der Impfung diskriminiert, erpresst, bedroht, diffamiert, verfolgt, stigmatisiert, isoliert oder in anderer Weise benachteiligt werden“, nicht „durch den Staat, die Wirtschaft oder gesellschaftliche Mehrheiten“. Damit setzen sie nicht nur darauf, dass „jeder Einzelne frei entscheiden kann, unter welchen Umständen ein Konzertbesuch verantwortungsvoll möglich ist“, sondern präsentieren ein Modell von Freiheit, das sich von der Verantwortung für die Folgen des Handelns entbindet und nicht akzeptieren will, dass die persönliche Freiheit an der Freiheit anderer Personen ihre Grenze findet. Diese radikal individualisierte Freiheit wäre eine sehr andere als die kollektive, für die sich Richie Havens im Einklang mit der Frühgeschichte des Jazz in die Bresche warf. ■

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