zettbe: das magazin zum jazzfest bonn 2022

Wenn du im Mai in Bonn auftrittst, werden im Publikum sicherlich einige Leute sitzen, die dich zum ersten Mal erleben. Wie würdest du deine Musik beschreiben? Erwartet uns – um es einmal ganz schwarzweiß zu fragen – eher New Orleans oder Modern Jazz? Shannon Barnett: Es wird vieles dazwischen sein (lacht). Im Ernst: Stilistisch bin ich breit aufgestellt. Es macht mir Spaß in Sub-Genres zu spielen, von New Orleans beeinflusste Musik bis zur freien Improvisation – ich bin offen für verschiedenste Strukturen. Fest steht: Ich komme mit meinem Quartett nach Bonn. Im Gepäck haben wir unsere neue Platte Bad Lover, die im Februar 2022 erst erschienen ist. Welches Gefühl verbindest du mit eurem neuen Album? SB: Ich verbinde mit dem Album das Gefühl des Privilegs, sich die Freiheit nehmen zu können, man selbst zu sein. Wir haben das Album im Sommer 2020 aufgenommen, mitten in der Pandemie. Es ist kein großes Konzept dahinter, wir sind wir. Die Interaktion ist der wichtigste Aspekt bei uns: Wir kennen das Material und uns so gut, dass wir jedes Abenteuer gemeinsam unternehmen können. Wir vertrauen uns – und fühlen uns dadurch frei. Zusammen frei. 2020 bist du mit dem WDR Jazzpreis ausgezeichnet worden in der Kategorie Improvisation. Welche Bedeutung hat die Improvisation in deinem Quartett, wie viel vorgegebene Form braucht ihr, wie viel Freiheit nehmt ihr euch? SB: Am Anfang habe ich bei der Kompositionsarbeit für mein Quartett viel vorgegeben. Inzwischen muss ich nicht mehr so viel vorher kommunizieren. Uns reicht wenig Material, um zusammen musizieren zu können. Das mit der Form und der Freiheit ist so eine Frage. Auch wenn ich in einer New Orleans Band spiele, habe ich trotzdem das Gefühl, mich ausdrücken zu können. Freiheit kann man überall erleben – sie zeigt sich nur immer anders. Du bist Improvisatorin und Posaunistin. Wie kam es dazu? SB: Ich komme vom Land, ging in eine kleine Schule. Ich war in Musik verliebt, in der siebten Klasse konnten wir verschiedene Instrumente ausprobieren. Ich entschied mich für die Klarinette, denn sie ist ein schönes Instrument, unauffällig, ich dachte, ich kann in der Gruppe spielen. Manche Teenager-Mädchen sind so, dass sie sich in einer Gruppe verstecken und sich nicht zeigen wollen. Das Wesen der Improvisation kann in bestimmten Situationen, zum Beispiel in einer Bigband, das Gegenteil sein. Allerdings gab es kein Instrument mehr und so gab man mir die Posaune. Ich verband mit dem Instrument all das, was ich nicht wollte: Sie war laut – ich war schockiert. Zuhause angekommen, versuchte ich die Melodie der Muppet Show nachzuspielen. Und stellte fest, dass Posaune doch ein ziemlich cooles Instrument ist. Aber ich hätte es nie für mich ausgewählt. 2014 wurdest du Mitglied in der WDR Big Band, 2018 tratst du aus, seither bist du vor allem freischaffend tätig. Wie war die Bigband-Arbeit für dich? SB: Ich bin als Jugendliche in einer Bigband sozialisiert worden, es war für mich damals eine der einzigen Möglichkeiten, Jazz zu spielen. Auch die Zeit in der WDR Big Band war für mich spannend und lehrreich. Natürlich hat man im großen Ensemble weniger Freiheiten, sich durch Improvisation auszudrücken. Aber das hatte ich auch erwartet. Stattdessen konnte man mit anderen guten Musikern etwas Neues gestalten. Man konnte Meinungen austauschen, es gibt im Jazzensemble nicht immer nur einen Weg. Es ist eine andere Art von Einfluss, den man nehmen kann. Aber natürlich hat man im Quartett noch mehr Möglichkeiten. Fabian (Schlagzeug) und David (Bass) sind im gleichen Alter, Stefan (Sax) und ich ebenfalls. Zwischen uns beiden Pärchen liegen sieben Jahre. Sie alle sind in Deutschland aufgewachsen, Stefan hat auch in den USA studiert, wie ich. Durch diese verschiedene Lebenserfahrung hat man etwas Anderes zu sagen. Wo hat man studiert, was hört man für Musik, wo ist man hingereist? Diese verschiedenen Einflüsse hört man und ich habe viel von meinen Kollegen gelernt. Seit einigen Jahren unterrichtest du Jazz-Posaune an der Musikhochschule. Lehrst du all deine Studierenden auszubrechen und möglichst viele Erfahrungen zu sammeln? SB: Als Lehrerin muss ich mich immer selber überprüfen und schauen, dass ich offen bleibe. Dass ich nicht sage: Mache es mal so oder so. Das „Outside the box“-Denken ist sehr wichtig. Daher: Ja, das Ausbrechen ist eine wichtige Sache für Künstlerinnen und Künstler. Reisen gehört unbedingt zum Künstlerleben dazu. Wenn man reist, ist es wie ein Spiegel. Man erlebt eine andere Szene, andere Leute. Das alles prägt und beeinflusst die eigene Musik und das, was man zu sagen hat als Künstler. Was zeigt dir dein Spiegel? SB: Das ändert sich ständig. Ich habe in den USA studiert, dort habe ich sozusagen die echte Jazztradition kennengelernt. Ich musste mich fragen, wie wichtig die amerikanische Tradition für mich selber ist – es ist wichtig, die Verbindungen zu kennen und die Herkunft der Musik zu respektieren. Das war mir damals in Australien noch nicht so bewusst. Seither überlege ich bei jedem künstlerischen Schritt, wie meine Verbindung zu der Musik ist, die in den USA entstanden ist. Die Geschichte des Jazz ist nicht unbedingt meine Geschichte, aber es beschäftigt mich als Improviser, was ich zu sagen habe und was ich mir von anderen Kulturen ausleihe. ➜ 19 Shannon Barnett

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