zettbe: das magazin zum jazzfest bonn 2022

21 Wo findest du in künstlerischer Hinsicht Freiheit? Heidi Bayer: Freiheit finde ich vor allen Dingen in der Unabhängigkeit. Für mich ist Freiheit immer damit verbunden, ob ich mich von jemandem, von einem Stil oder Thema unabhängig machen kann. Das ist im Schaffensprozess sehr wichtig. Wenn man zu sehr von etwas abhängig ist, dann ist es schwierig, sich selbst zu finden. Daher versuche ich, wenn ich komponiere, bewusst nicht zu viel zu hören und mich frei zu machen von anderen Einflüssen. Denn alles, was man hört, hat unmittelbaren Einfluss auf das, was man entstehen lässt. Das wäre so, als wenn Picasso, bevor er selber zum Pinsel gegriffen hat, sich erstmal Ausstellungen angesehen hätte, denn dann hätte er wohl nicht das malen können, was in ihm selbst war. Man kann sich nie ganz von Einflüssen freimachen, aber man kann die Einflüsse für einen gewissen Zeitraum von sich schieben und in sich einkehren. Dieser Moment ist für mich eine große Freiheit. Empfindest du denn andererseits einen Druck, auf der Bühne besonders frei und innovativ zu sein? HB: Ja, auf der Bühne ist man als Musikerin bzw. Musiker zwangsläufig omnipräsent. Da kann man gar nicht so frei sein wie beim Komponieren, wo man sich zurückziehen kann. Der Druck ist im Raum, etwas Besonderes oder Freies liefern zu können. Aber je nachdem, wie man sich fühlt, schafft man es, diesen Druck abzuschalten. Wenn das passiert, dann ist es ein besonders schönes Gefühl. Und je mehr man loslassen kann, umso besser kommuniziert man auch mit anderen Musikern, zum Beispiel im Duo. Ist das Format des Duos für dich ein besonders fruchtbares Format? Kannst du da am besten zeigen, wer du bist? HB: Ich würde es nicht so kategorisieren, aber gerade beim Thema Freiheit habe ich das Gefühl, dass man zu zweit die meisten Möglichkeiten hat. Man kann viel schneller interagieren und muss nicht die Interaktionen von den drei, vier, fünf anderen auf dem Schirm haben. Man konzentriert sich im Duo nur auf sich und das Zusammenwirken mit dem Gegenüber und das bringt eine große Freiheit mit sich. Ist das Gegenteil von Freiheit Sicherheit? HB: Als ich nach meinem Studium nach Köln gezogen bin, kannte ich hier noch niemanden und dachte: „Cool, jetzt habe ich super viel Freiheit, denn ich hab ja gar nichts zu tun.“ Gleichzeitig war aber die Kasse leer. Und genau das führte zu einer riesigen Blockade, habe ich festgestellt. Ich hatte alle Freiheiten der Welt, konnte aber nicht entspannt üben und konnte auch nichts zu Papier bringen – ständig herrschte der Gedanke vor, wie ich diesen Monat überlebe. Aus dieser Angst heraus kam ich dann mit der Zeit in eine Art Strudel: Ich war in viele Projekte involviert und habe nicht mehr gecheckt, dass ich es nach ein paar Jahren gar nicht mehr brauche. Ich musste lernen, den Fokus auf meine eigenen Sachen zu lenken und in mich zu vertrauen. Freiheit funktioniert für mich also nur im Zusammenhang mit einem Mindestmaß an Sicherheit. Du hast eine halbe Stelle an der Musikhochschule. Was bedeutet dir das Unterrichten? HB: Das Unterrichten macht mir sehr viel Spaß und ich sehe es als gleichwertige Lebensaufgabe neben dem Spielen und als Erfüllung. Für mich ist klar, dass der pädagogische Bereich der ist, aus dem ich meine Sicherheit schöpfen möchte, ohne mich abhängig zu machen von anderen musikalischen Gegebenheiten. Es gibt mir den Luxus, dass ich nicht unbedingt alle Projekte spielen muss, für die ich angefragt werde bzw. nicht alles, worauf ich keine Lust habe. Das finde ich enorm wichtig und diesen Weg möchte ich auch 2022 weitergehen. Noch mehr schauen, was mir wichtig ist und mehr meine eigenen Sachen machen. Das ist ein großer Schritt. Wie bist du zur Trompete gekommen? HB: Das war eine pragmatische Entscheidung. Ich habe als Kind mit Klarinette angefangen und lange gespielt. Ich hatte aber einen fiesen Lehrer, der laut mit dem Taktstock auf dem Notenständer rumgeklopft hat, damit ich den Takt halte. Irgendwann habe ich aufgehört und bin zu einem Jazzpianisten gegangen – die Auswahl war in so einer Kleinstadt nicht groß genug, als dass es noch andere Klarinettenlehrer*innen gegeben hätte. Dort habe ich Blut geleckt am Jazz. Es war genau das, was mir Spaß macht. Mit der Klarinette konnte ich aber nicht in die Bigband, also musste ich das Instrument wechseln. Aber welches nehmen? In der ersten Reihe der Schüler-Bigband saßen zwölf Saxophone, dahinter zwei Posaunen und zwei Trompeten. Und da dachte ich, ich hätte Lust auf Trompete, mit 17 Jahren habe ich dann umgelernt. Ich hatte allerdings zunächst keine Absicht, Musik zu studieren. Bigband war für mich super wichtig. Es war eine tolle soziale Erfahrung, es hat den Weg zum Solistischen geöffnet, ohne das Spotlight direkt auf mich zu richten. Man konnte in einer Gruppe gemeinsam Musik machen, konnte sich ausprobieren, hat gelernt aufeinander zu hören und auch das Vom-Blatt-Spielen wurde hier trainiert. Mit welchem Programm kommst du nach Bonn? HB: Ich kommt mit meinem DuoPartner nach Bonn, Sebastian Scobel. Wir spielen ein Programm, das wir 2022 als CD herausbringen. Es sind Eigenkompositionen von Sebastian und mir, die Stücke haben sich über die mehrjährige Zusammenarbeit entwickelt. Das Programm heißt Five Noire. Der Titel des Albums basiert auf einem gleichnamigen Stück, das wir am längsten im Programm haben. Es steht exemplarisch für unsere gemeinsame Arbeit. Und wir freuen uns sehr darüber, es bald auf unserem ersten gemeinsamen Album zu haben. ■ Heidi Bayer

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