zettbe: das magazin zum jazzfest bonn 2022

23 Im Jazz manifestiert sich die Musik in der Freiheit der Improvisation, innerhalb hart erarbeiteter Grenzen eines Stils, eines Geschmacks oder einer bestimmten Tradition. In der sogenannten klassischen Musik – ein eigentlich irrtümlicher Sammelbegriff für alle Musik mit „Werk-Charakter“ von der Renaissance bis heute – entstand ein Kanon, dessen weltweite Erfolgsgeschichte einerseits mit der Großartigkeit der Musik, anderseits auch mit vielen soziologischen und (seien wir ehrlich) kultur-kolonialen Zusammenhängen zu tun hatte. Diese machtvolle Kanonisierung führte unter anderem dazu, dass klassische Musik plötzlich Bildungsinhalt wurde, statt das zu sein, was sie eigentlich ist: Ausdruck der Zeit oder – noch besser – zeitloser Ausdruck in der Jetztzeit. Der Begriff von „Musik als Werk“ hat uns vielleicht auf diese falsche Fährte geführt. Dabei kam es schon Beethoven – mit seinem Schaffen gewissermaßen der Urvater des großen Werkgedankens – reichlich widersprüchlich vor, seine Klavierkonzerte als Werkveröffentlichung letztgültig niederzuschreiben. Denn natürlich waren weite Teile der „Werkausführung“ von Tageslaune, Ort, Mitspieler oder Raum abhängig. Werk und Praxis ergaben ein lebendiges Zusammenspiel. Erst die biographische Katastrophe seines Hörverlustes führte dazu, dass sich notgedrungen das musikalische Werk als „reines Ideengut“ in Form einer Partitur etablierte. Der aufkommende Kapitalismus liebte natürlich die hervorragende Verwertbarkeit dieser Werk-Logik und tat sein Übriges, musikalische Erzeugnisse als Serie von „Meisterwerken“ und nicht als stets neu zu gebärende Ideen zu zementieren. Beethoven würde – nach allem, was wir wissen – lauthals über diese „Diktatur der Partitur“ und die posthume Vereinnahmung und Kanonisierung protestieren, denn sie widerspricht seiner Musik, die immer von Freiheit und Lebendigkeit geprägt ist. Was können wir also tun, um in der Vergangenheit niedergeschriebene Musik in unserer heutigen Zeit aufleben zu lassen? ➜ Manifestation Repräsentation Steven Walter statt

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