zettbe: das magazin zum jazzfest bonn 2022

Zunächst stellt sich die notwendige und allzu oft unbeantwortete Frage, ob man sich nun der „Kunst“ oder der „Kultur“ verschreibt. Die Begriffe werden häufig synonym verwendet, es gibt aber entscheidende – wenn auch meist nicht trennscharfe – Unterschiede im Selbstverständnis und in den notwendigen Strukturen, die sich daraus ableiten. Bei der Kultur geht es vielmehr um eine Rückversicherung darüber, in welcher Kultur wir leben, sie repräsentiert unser kulturelles Erbe und pflegt dieses. Bei der Kunst hingegen geht es um den lebendigen Ausdruck der Zeit und die Frage, wie wir leben wollen, sie richtet den Blick also nicht zurück, wie bei der Kulturpflege, sondern nach vorn. Es gibt keine Kunst ohne Tradition, aber nicht ohne Freiheit – und Freiheit geht immer nach vorne und verharrt nicht im Gestern. Wer Musik als Kunst präsentieren will, wird sich daher neuartiger Kontextualisierung klassischer Musik widmen und in allen Dimensionen des Musikschaffens Zeitgenossenschaft leben wollen. Sie wird sich nicht mit der bloßen Reproduktion zufriedengeben. Eine Kultureinrichtung wiederum ist für die Repertoire-Pflege, sozusagen den musikalischen Denkmalschutz, da – sie braucht nicht unbedingt das Neue, Riskante, um ihre Rolle zu erfüllen (und ihre Rolle ist durchaus wichtig). Es erscheint mir, dass mit der Musik aus der Vergangenheit zu viel Kultur und deutlich zu wenig Kunst gemacht wird. Durch ihre bloße Reproduktion in der routinierten Konzertkultur wird sie gewissermaßen entschärft. Die klassische Musiklandschaft bietet also – überspitzt gesagt – Kunst, die weitgehend, von wenigen interpretatorischen Sternstunden abgesehen, zur Denkmalpflege geworden ist. Es sollte jedoch darum gehen, die Wirkkraft der Musik zu reaktivieren. Denn diese Musik kann und will viel mehr, als sich selbst „bewahren“. In der historischen Rückschau zeigt sich, dass sich die Darstellungsform immer wieder aktualisierte und den jeweils zeitgenössischen Gesellschaften und ihren (Hör-)Bedürfnissen anpasste. Konzerte als Orte künstlerischer Erfahrung müssen also heute deutlich mehr leisten, als nur zu reproduzieren – sie müssen sich künstlerisch erneuern. Damit drängt sich die Frage auf, unter welchen Bedingungen zeitgenössische künstlerische Erlebnisse mit klassischer Musik gelingen können. Es geht darum, aus dem Füllhorn des musikalisch Möglichen sinnvolle und sinnliche Programme zu entwickeln, in künstlerischen Abläufen und Formaten zu denken und ein musikalisches Storytelling zu betreiben, das die Werke kontextualisiert und in neues Licht setzt. 24 Praxis... „Musik ist eine

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