zettbe: das magazin zum jazzfest bonn 2022

Musik muss als wirkliche Zeitkunst betrachtet werden, die – sofern sie Kunst sein darf – im Moment neu erlebt werden kann. Ansonsten verbleiben wir „Cover-Bands“ des 19. Jahrhunderts, die bis hin zur Kleiderordnung eine Zeit repräsentieren, die nicht unsere ist. Wenn wir Musik als überzeitliches Phänomen betrachten, dann wird auch das anerzogene Genre-Denken zunehmend hinfällig. Die sogenannte klassische Musik wird Teil des Ausdrucksrepertoires des Menschen – neben sehr viel anderer Musik. In dieser Post-Genre-Welt gibt es keine Schubladen, sondern vor allem Neugierde und Räume voller Möglichkeiten. Oft wird ängstlich vom Neuen als Ersatz des Bestehenden gesprochen. Das ist eine überholte Vorstellung, die sich erübrigt, wenn man mit dem Internet aufgewachsen ist. Jüngere Generationen sind es gewohnt, dass das künstlerische und kulturelle Ausdrucksrepertoire im Grunde unermesslich ist. Es ist additiv – wie das Internet oder das Universum: Es wächst, es kommt einfach immer mehr dazu; und die Dinge, die es da gibt, können wie Galaxien in gegenseitiger gravitätischer Schwebe nebeneinander existieren. Manches wird vielleicht vergessen, vieles verpufft in einem Hype, einiges bleibt im aktiven künstlerisch-menschlichen Vokabular. Aber all diese neuen, hybriden Formen, die hier entstehen, lösen nicht unbedingt das Vorherige und Klassische ab, wie in einem Systemupdate. Es gibt auch nicht „das Konzert der Zukunft“ oder „das Programmformat der Zukunft“, sondern es werden viele Formen nebeneinander existieren, die als Gesamtheit die Komplexität der Inhalte und Umgebungen spiegeln. Wenn man sich etwas wünschen kann, dann ein vielfältiges Musikschaffen für eine diverse Welt voller unterschiedlichster Kontexte – eine Vielzahl lebendiger Traditionen, die sich begegnen, reiben und befruchten. Und dass wir als Institutionen und Partner diesen komplementären Zusammenhang verstehen und neue Wege gehen, um ein gemeinsames Vielfaches zu suchen. Bei allem Ernst, von dem die Musik handelt und bei allen Schwierigkeiten, in der heutigen Welt noch Räume für dieses tiefe Hören zu schaffen, sollte zuletzt immer die Freude ein Leitmotiv einer jeden lebendigen Zeitgenossenschaft in der Musik sein. Es gibt offenbar einen wesentlichen inneren Zusammenhang zwischen Freude und Freiheit – auch das wusste Beethoven in wunderbare Töne zu übertragen und wir erleben es in jedem Konzert des Jazzfests. Wer sich freut, ist lebendig und jedenfalls in einem musikalischen Sinne: frei. ■ Ein Moment der Feiheit von: Rebekka Ziegler Wenn ich nach „meinem Moment der Freiheit” gefragt werde, schießen mir viele Situationen und Gedanken durch den Kopf. Und schnell auch grund-philosophische Fragen oder neuartige, egozentrierte Definitionen des Freiheitsbegriffs, wie er in bestimmten Kreisen gerne verstanden und propagiert wird. Aber ich möchte mich auf mein Bauchgefühl, den Instinkt vor den ganzen Fragezeichen und Zerdenkungen, zurück besinnen. Im März 2021 war ich mit meiner Band SALOMEA zum Cologne Culture Stream eingeladen. Wie der Name schon verrät war das ein Streaming-Konzert, live aus dem Club Bahnhof Ehrenfeld in Köln. Eine große Ehre für mich, da ich dort bisher hauptsächlich meine Vorbilder wie Thundercat, Noname oder Sampa The Great erleben durfte. Mit genügend Abstand auf der Bühne, ordentlich LiveEntzug, im Line-Up zwischen Kaleo Sansaa und OK KID und dem Wissen, dass Freunde und Familie von Nonnenweier bis Seattle gerade zusehen, genossen wir unser 40-Minuten-Set. Gegen Ende spielten wir unseren Song Gifts & Duties, der live ziemlich abgeht. In dem Pre-Chorus („I am sick and tired”-Teil oder Quallendisko-Part – wie Leif, Yannis, Oli und ich ihn auch gerne nennen) überkam mich ein solcher Energieschub, der sich scheinbar über Monate angestaut hatte und von meiner Band, der Lightshow und dem Raum extrem angespornt wurde, dass ich einen lauten, inbrünstigen, tiefsitzenden und langanhaltenden Schrei losließ. Und dann nochmal. Und nochmal. In diesen Momenten fühlte ich mich unbesiegbar, vulnerabel und mächtig zugleich. Ich ging an meine Grenzen und überschritt sie, erweiterte meinen Horizont. Zerstörte mir etwas die Stimmbänder, aber Konzerte gab’s eh keine weiteren und für diesen Moment der Freiheit hat sich das gelohnt. Rebekka Ziegler tritt mit Toytoy x Salomea am 28. Mai im Telekom Forum auf. 25 Artefakt.“ ... und kein

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