zettbe: das magazin zum jazzfest bonn 2022

33 Pastose Pinselstriche markieren den bewegten, grau verhangenen Himmel, die Silhouette der Industrieschlote und der im Hafen vor Anker liegenden Schiffe ist nur flüchtig angedeutet. Es ist diesig, die Luft undurchdringlich, die Landschaft erscheint grau in grau, einzig die aufgehende, eidotterrote Sonne schafft ein wenig Farbe in die eintönige, kontur- und trostlose Szenerie. Drei Ruderboote, von denen zwei kaum mehr als unscharfe Umrisse zeigen, schaukeln auf den sanften Wellen. Was trieb den Künstler dazu, sich derart von der bisher herkömmlichen Darstellungsart abzuwenden? Warum entfernte er sich so radikal von der geradezu erhabenen Schönheit eines realistischen Ausdrucks von Landschaftsmalern wie Pierre-Henri de Valenciennes, Charles Émile Jacque oder Jean-François Millet? Als Claude Monet 1874 sein Bild Impression, Sonnenaufgang in Paris der Öffentlichkeit vorstellte, musste er viel Spott über sich ergehen lassen. Vielen kam das Bild fragmentarisch vor, wie eine flüchtige Skizze, die ein Maler in der Natur erstellt, um es dann im Atelier zu vollenden. Die Reaktionen der Menschen müssen damals ähnlich ablehnend gewesen sein, wie die der Zeitgenossen der Swing-Ära, als sie mit dem vergleichsweise chaotischen und dissonanten Bebop konfrontiert wurden. Monet ging es gar nicht darum, die Wirklichkeit abzubilden. „Mich interessiert nicht das Objekt, sondern das, was zwischen mir und dem Objekt passiert“, hatte er erklärt. Der Mann, von dem bekannt ist, dass er höchst depressiv war und von großen Selbstzweifeln geplagt wurde, steht indes für einen Künstlertypus, für den Freiheit auch bedeutete, Konventionen in Frage zu stellen. Die Bildende Kunst hat in der Menschheitsgeschichte mehrere Revolutionen durchgemacht. Die erste große war vielleicht jene der Renaissance. Der Abschied vom finsteren Mittelalter mit der Allmacht der katholischen Kirche und ihrem Diktat des Denkverbots, der Abschied von der flächigen Darstellung, der jede Raumtiefe fehlte, und die Rückbesinnung auf die Ideale der Antike war so etwas wie eine Initialzündung für den menschlichen Schöpfergeist. Es ist wohl eine Mischung aus Neugier auf die Grenzen des Möglichen, Mut und Leidenschaft, die Künstler wie eben Monet, Christo, Beuys oder Thelonious Monk, Louis Armstrong, Charlie Parker oder Ornette Coleman nach neuen Formen des Ausdrucks streben lässt. Und Freiheit ist der Motor. Freiheit hat unterschiedliche Facetten. Ist es einfach nur Abwesenheit von Ketten? Abwesenheit von Grenzen? Für John Coltrane war es vielleicht eine spirituelle Suche nach Erleuchtung, vielleicht bedeutete Freiheit für ihn ein Zustand, nach dem man ewig streben müsste. „Frei zu sein, bedeutet, frei zu denken, keine Vorgaben zu bekommen, was richtig ist und was falsch, frei wählen zu können, in welche politische Richtung man gehen will, frei über seine Kunst entscheiden zu können“, hat mir einmal der Schweizer Industrielle, Jazztrompeter und Flügelhornist Franco Ambrosetti (80) gesagt. ➜ Freiheit die ich meine

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