zettbe: das magazin zum jazzfest bonn 2022

Ein Moment der Feiheit von: Ambrose Akinmusire Das Ambrose Akinmusire Quartet spielt am 27. Mai im Pantheon. Very early mornings and late evenings ... 35 Im Jazz war das Lossagen von melodischen, rhythmischen und strukturellen Konventionen schon immer eine bedeutende Komponente. Dennoch gab es innerhalb dieser Strömung immer wieder einzelne wirklich emanzipatorische Wendepunkte. Louis Armstrong etwa war nicht nur ein begnadeter Trompeter, von dem sogar Miles Davis sagte, dass selbst moderne Trompeter nichts auf einem Horn spielen, was Louis nicht schon gespielt hätte. Armstrong hat die Rolle des Solisten auf eine völlig neue Ebene gehoben, Count Basie befreite die Musik von rhythmischen Hemmnissen, Charlie Parker und Dizzy Gillespie schufen bis dahin unvorstellbare Freiräume, Thelonious Monk entzog den Jazzbands die rhythmische und harmonische Stütze des Klaviers. Plötzlich gab es keine Fixpunkte mehr, an denen sich die Solisten orientieren konnten, Monk schuf damit größere Freiheiten sowohl für die Mitspieler als auch für den Pianisten. Der Historiker Robin D.G. Kelley stellt in dem sehr lesenswerten Buch über Thelonious Monk The Life and Times of an American Original eine soziokulturelle Dimension im Leben der frühen Jazzmusiker heraus. „Sie wurden von Menschen großgezogen, für die Freiheit eine greifbare Bedeutung hatte. Sie hörten Befreiungsgeschichten aus erster Hand von ihren Eltern; Geschichten (…) von ehemaligen Sklaven, die Kirchen und Schulen gründeten und dabei halfen, eine neue Demokratie zu formen.“ Für Schwarze, die zwischen 1865 und 1900 lebten, war Freiheit kein abstrakter Begriff. Für Kelley geht es in der Musik von Ornette Coleman, Cecil Taylor oder dem Art Ensemble of Chicago um Freiheit – die politische und ästhetische. Einerseits seien ihre Experimente mit neuen Ausdrucksformen ein integraler Bestandteil ihres Strebens nach künstlerischer Freiheit, sich selbst von den erstickenden Strukturen der Tradition zu lösen. Andererseits seien die Künstler doch auch Produkte der Bürgerrechtsbewegung und der Black Power Bewegung, in der es um politische Freiheiten und Gerechtigkeit gehe. Tatsächlich hat das Art Ensemble of Chicago 1974 sein Album Fanfare for the Warriors „den Brüdern auf dem gesamten Planeten“ gewidmet, „die für die Freiheit unseres Volkes gekämpft haben, die ihr Leben gelassen haben, damit schwarze Männer, Frauen und Kinder in einer freien Welt aufwachsen können“. Kelley formuliert das, was die junge schwarze Jazzgeneration in den USA immer mehr umtreibt: die politische Dimension des Jazz. Seit einigen Jahren ist der Prozess in der JazzCommunity zu beobachten, gesellschaftlich und politisch Stellung zu beziehen und das auch in der Musik deutlich spürbar zu hinterlegen. Was bedeutet Freiheit, wenn Rassismus Teil des Alltags ist? „Wenn du so aussiehst wie ich, stellst du in den Vereinigten Staaten von Amerika eine Bedrohung dar. Um es einfach auszudrücken: Mein Leben ist in Gefahr! Einfach nur weil ich so aussehe. Und das sind die Umstände, in denen ich lebe, seit ich ein Kind bin“, erklärte mir einmal der aus Los Angeles stammende Saxophonist Kamasi Washington. „Seit ich zwölf, dreizehn Jahre alt bin, muss ich mit dieser Realität leben. Diese Qualität der Welt, in der ich lebe, hat mich definitiv geprägt und zeigt sich in meiner Musik. Rassismus ist Teil meines Lebens.“ Man muss einfach nur einmal ein Konzert des faszinierenden Musikers und seiner Band erleben. Denn Jazz ist für Washington nicht einfach nur ein musikalisches Genre, er ist die Deklaration von Freiheit und zugleich politischer Protest. Ein Song wie Street Fighter Mas vereint Elemente des Funk, des Bebop, der Filmmusik und den Sound des Straßenkampfes zu einer hymnischen Erklärung – mit dem Saxophon als Hauptredner auf dem Platz. Wenn Drummerin Terri Lyne Carrington ihre Band Social Science nennt, dann ist das schon ein Statement. Ihre Band sei ein disparates Sextett, vereint durch ein integratives Ethos, das die kollektive Denkweise der unterschiedlichen Menschenmassen widerspiegelt, die auf den Straßen auf der ganzen Welt protestieren, hat sie mal erklärt. Ihre Band stehe für die „Entschlossenheit, furchtlos zu sein“. Einen interessanten Freiheitsbegriff hat der Altsaxophonist Greg Osby. In der Jazzszene gebe es durchaus auch die Vorstellung, als Musiker all das zu reflektieren, was die Wurzeln des Jazz bestimmte. Er spielt auf Wynton Marsalis an, der nicht müde wird, ein gewisses Reinheitsgebot des Jazz zu propagieren. Osby sieht sich als „Weltreisenden“, der von vielerlei Erfahrungen und Einflüssen geprägt sei. „Freiheit bedeutet für mich, ehrlich zu sein, aufrichtig mit Traditionen und all den Dingen umzugehen, die mein Leben ausmachen.“ Dem großartigen Christo, der vor allem für seine Verhüllungsaktionen bekannt wurde, ging es in seiner Kunst darum, die Sichtweise auf die Umwelt zu verändern, eine Kunst mit anderen Mitteln umzusetzen. Seine Arbeiten thematisierten alle die Freiheit: „Der Feind der Freiheit ist Besitz und Dauer. Vergänglichkeit erzeugt Liebe und Zärtlichkeit.“ Das gilt genauso für die Musik. Oder wie es Teddy Wilson (1912-1986), der Gentleman unter den Pianisten, der dem Piano in den dreißiger Jahren die Eleganz und Exklusivität gab, einmal sagte: „Jazz ist, was zwischen dir und mir geschieht, es ist Liebe.“ ■

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