zettbe: das magazin zum jazzfest bonn 2022

Die Adelung als Teil des „aufregendsten Pianotrios der Welt“, wie DIE ZEIT schrieb, macht Wollny reif für den internationalen Auftritt: mit Nils Landgren und Lars Danielsson, Gary Peacock, Vincent Peirani und Émile Parisien, Andreas Schaerer oder Tim Lefebvre zum Beispiel. Freilich geht es Wollny nie um Namen, sondern immer um neue, spannende, herausfordernde Projekte – ob er mit dem Norske Blåseensemble Friedrich Wilhelm Murnaus Filmklassiker Nosferatu live vertont, zu „100 Jahre Bauhaus“ eine geniale Jubiläumsmusik komponiert, mit Mondenkind ein Soloalbum ohne Vergleich einspielt, als „artist in residence“ ganzen Festivals vom Rheingau Musik Festival über das Musikfest der Alten Oper Frankfurt bis zu Elbjazz in Hamburg seinen Stempel aufdrückt oder zuletzt mit dem AllStar-Quartett XXXX auch mal ins elektronische Fach wechselt. Die Inspiration kann von Schubert oder Mahler kommen, von Björk oder Kraftwerk, von japanischen Horrorfilmen oder Großstadtlyrik, von Gedankengebilden oder Naturphänomenen. Doch was Wollny auch anpackt, seine einmalige Antizipation und Reaktionsfähigkeit macht ihn zum vollendeten Improvisator, der seine Zuhörer stets aufs Neue überrascht, berührt und begeistert. Auch und vor allem im Trio mit seinem „Buddy“ Eric Schaefer am Schlagzeug und Christian Weber am Bass. Das ist immer noch das „Backbone“ seines Schaffens, wie man im Konzert am 1. Mai mit neuem Repertoire erleben wird. ➜ 37 Oliver Hochkeppel studierte Geschichte und Philosophie. Seit 29 Jahren schreibt er in der Süddeutschen Zeitung über Musik, Film und Kabarett. Da ist zunächst Michael Wollny, neben Till Brönner Deutschlands aktuell populärster Jazzmusiker. Ein Erfolg, der sich der Kombination aus außergewöhnlichem Talent mit außerordentlichem Fleiß, aus Selbstbewusstsein und Selbstkritik, aus spontanem Impuls und Durchhaltevermögen verdankt. Und nicht zuletzt dem Einfluss von Vorbildern, Lehrern und Mentoren. Seiner großen Schwester, einer Flötistin, verdankt Wollny den Zugang zur klassischen und modernen Musik. Ein Einfluss, der bis heute stark ist. Interpretationen von Paul Hindemith, Wolfgang Rihm, Edgard Varèse oder Alban Berg etwa finden sich auch auf dem Album Weltentraum, das 2014 den endgültigen Durchbruch markierte. Freilich wollte Wollny von Anfang an nie an Noten kleben. Das erkannte auch der Pianist und Hochschulprofessor Chris Beier, der Wollny entdeckte und schon als Jungstudent an die Hochschule für Musik Würzburg holte. Von 1997 bis 2004 währte diese klassische LehrerSchüler-Beziehung. Noch in diese Zeit fällt die nächste wegweisende Begegnung. Während seiner Zeit im Bundesjazzorchester (BuJazzO) wird Wollny 2001 ins hr-Jazzensemble eingeladen, wo er Heinz Sauer kennenlernt. Von dem knorrigen Saxophon-Veteran, der ungerechterweise immer etwas im Schatten seines Weggefährten Albert Mangelsdorff stand, lernt Wollny, stets ins Risiko zu gehen. Die 2004 und 2006 entstandenen Duo-Alben Melancholia und Certain Beauty bilden den Auftakt einer beispiellosen Erfolgsgeschichte, die Wollny zum meistdekorierten deutschen Jazzer macht. Parallel dazu kommt das Trio [em] mit Eric Schaefer und Eva Kruse ins Rollen. Über Umwege war ein Demo-Band zum ACT-Chef Siggi Loch gelangt. Der startet mit den Dreien seine programmatische Reihe „Young German Jazz“ und wird fortan zum bedingungslosen Mentor und Förderer von Michael Wollny.

RkJQdWJsaXNoZXIy MjQ2Nzg=