zettbe: das magazin zum jazzfest bonn 2022

Ein Moment der Feiheit von: Tigran Hamasyan Das Tigran Hamasyan Trio spielt am 9. Mai im Post Tower. My personal moment of freedom is when an unexpected creation happens and the joy of feeling that creation. It smells like myrrh, looks like the geometric shapes of an Armenian ”dragon” carpet and smells like mountain air and fresh sea air. Tastes like Qyalla (head of the cow baked in the oven over night). 39 Der nächste Jazzfest-Gast an den Tasten ist sieben Jahre jünger, aber ebenfalls schon ein international arrivierter Star. Mit einem völlig anderen Werdegang: Tigran Hamasyan wurde in der zweitgrößten armenischen Stadt Gjumri geboren – ein Jahr, bevor ein Erdbeben sie verwüstete. Die Familie, der Vater Juwelier, die Mutter Schneiderin, kämpfte fortan schlicht ums Überleben. Die Musik wird zur Flucht: Der Vater hört ununterbrochen Rockmusik, der Onkel Jazz und Funk. Mit drei Jahren bastelt Tigran Tapes auf dem Kassettenrekorder zusammen, mit fünf bekommt er auf einem kaputten Klavier den ersten Unterricht. Mit zehn zieht die Familie nach Jerewan um, er entdeckt Mozart, Beethoven, Schumann, Mendelssohn und Satie für sich und studiert klassisch am Konservatorium. Immer freilich will er auch Eigenes und auf eigene Art spielen. So nimmt ihn der künstlerische Leiter des Jazzfestivals von Jerewan unter seine Fittiche. Seine Oma verkauft dann für 3000 Dollar ihre alte Wohnung, um dem Enkel die Teilnahme an einem Nachwuchswettbewerb in Paris zu ermöglichen. Er gewinnt den dritten Platz, zahlt das Geld zurück und besorgt sich ein Touristenvisum für die USA. Drei Jahre lang kämpft er dort um Aufenthalt, bis ihn die University of Southern California in Los Angeles annimmt und er seine Familie nachholen kann. Jetzt ist er nicht mehr zu stoppen: Hamasyan gewinnt den Piano-Wettbewerb beim Montreux Jazz Festival und die Thelonious Monk Jazz Competition, seine ersten Alben schlagen ein. Er zieht erst nach New York, dann nach Paris, arbeitet mit Arve Henriksen, Lars Danielsson oder Leszek Możdżer, nimmt für Nonesuch, ACT und ECM auf und gewinnt 2016 den Echo Jazz. Resultat einer unfassbar virtuosen Technik und eines Improvisationstalents, das jede Art Musik aufgreifen kann. Flankiert von melancholisch-folkloristischen Motiven, die sich wie Wurzelwerk durch sein Spiel ziehen. Inzwischen nach Jerewan zurückgekehrt, hat er diese Wurzeln auf Luys I Luso mit dem armenischen Staatskammerchor und dem Solo-Album An Ancient Observer freigelegt. Sein aktuelles Trio, mit Matt Brewer am Bass und Justin Brown am Schlagzeug wieder amerikanisch besetzt und beeinflusst, führt freilich all seine Strömungen zusammen – und zurück in seine Jugend. Neben den lyrischen und volksmusikalischen Klaviergirlanden, seiner spirituellen Ader für Geschichten ist es hier vor allem der rhythmische Impuls, der den Hörer glücklich macht. Ein Beat-Puzzle mit groovendem Bass und dynamischen Akkordausbrüchen, die in die ProgressivRock-Ära verweisen. Was den perfekten Übergang zum KlavierVeteranen des diesjährigen Jazzfests ergibt, denn gehört der 74-jährige Niederländer Jasper van’t Hof doch zu den Fusion-Pionieren. Dass er 2015 als zweiter Musiker in die von der Zeitschrift Jazz thing kuratierte CD-Reihe „European Jazz Legends“ aufgenommen wurde, sagt schon einiges aus. Der aus Enschede stammende Sohn eines Jazztrompeters und einer klassischen Sängerin und Pianistin wurde von den frühen Siebzigerjahren an mit wilden Bands wie Associaton P.C., Pork Pie (unter anderem mit Charlie Mariano und Philip Catherine) und der bis heute bestehenden Pili Pili berühmt. Mit als erster mixte er da europäischen Jazz mit afrikanischer Musik und Club-Beats. Die Sängerin Angelique Kidjo wurde bei ihm zum Star. In Bonn ist er in einem Solokonzert zu erleben, also vergleichsweise still, aber nach wie vor mit überbordender Lust am Experiment. Bleibt noch der Repräsentant der jüngsten Generation. Der 26-jährige Franzose Matthieu Mazué ist zweifellos eines der vielversprechendsten neuen Gesichter in der Pianistenszene. Auch er entdeckte seine Leidenschaft für den Jazz beim klassischen Studium in Dijon und Straßburg. So wechselte er ins JazzpianoFach nach Bern, das ja mit der Swiss Jazz School die längste Tradition der europäischen Jazz-Ausbildung hat. Bald wurde sein Talent offenkundig, komplexe Kompositionstechniken mit zeitgemäßer Improvisation zu verbinden. 2018 gewann er die Wettbewerbe beim Festival Au Grès du Jazz und beim Festival Jazz en Ville in Vannes und veröffentlichte ein erstes Solo-Album. Dies brachte ihm einen Studienaufenthalt bei Ralph Alessi an seiner School for Improvisational Music in Brooklyn ein. Zurück in der Schweiz gründete er 2020 sein eigenes Trio mit dem Bassisten Xaver Rüegg und dem Schlagzeuger Michael Cina. Im vergangenen Jahr erschien das weithin beachtete Debütalbum Cortex. „Der junge Franzose bildet mit zwei jungen Schweizern ein Klaviertrio, dessen Frische vieles Arrivierte im Jazz hinter sich lässt“, schrieb beispielsweise Ulrich Stock in DIE ZEIT. Soweit es Corona zuließ, waren die drei damit schon in ganz Europa unterwegs. Und gewannen mit ihrer extrem spannenden und vielschichtigen Musik auch den JazzBeet-Wettbewerb des Jazzfest Bonn. Ein optimales Entrée also, um diesmal im Hauptfeld aufzutreten. Vier Pianisten, vier ganz unterschiedliche Wege, die zum Ziel geführt haben: dem individuellen Ausdruck. Das ist die Freiheit, die im Jazz steckt. n

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