zettbe: das magazin zum jazzfest bonn 2022

Nein, auch gegen KlavierTrios hat er nichts weiter vorzubringen, es sind nur nicht so viele, die Silvan Strauß richtig interessant findet. Chick Corea fällt ihm ein, das Album Now he Sings, Now he Sobs mit Roy Haynes am Schlagzeug, das ist „irre rhythmisch, ohne dass es den Pop- Appeal verliert.“ Aber es ist auch schon wieder ganz schön lange her, 54 Jahre. Bei den Jüngeren kommt er dann schnell auf das Trio von Omer Klein zu sprechen, mit dem er in letzter Zeit selbst häufiger spielte, da ist alles drin, „das Wunderschöne, die Harmonie und Melodien, die in diesem Instrument stecken, und das gemischt mit dieser krass überbordenden Spielfreude. Dass man das zusammen bringen kann und dann als Schlagzeuger beeinflussen und vermischen kann, das finde ich faszinierend.“ Und zur Erklärung, dass ihm nicht sofort viele Klaviertrios in den Sinn kommen, führt er an, „es gibt so viel Musik, die mich kickt“. Das bekommt schnell mit, wer sich mit der Vita des Hamburger Schlagzeugers und Produzenten beschäftigt. In Hamburg ist der 1990 im Allgäu geborene Strauß der Jazzmusiker der Stunde, im vergangenen Jahr wurde ihm der Hamburger Jazzpreis verliehen. In der Hansestadt spielt er in diversen Formationen, u. a. im Quartett der gleichaltrigen Bassistin Lisa Wulff, im Ensemble des Sinti-Gitarristen Giovanni Weiss – dazu kommen größere Ensembles wie die NDR Bigband oder die Jazzrausch Bigband aus München, in der er nebenher gelegentlich aushilft. Dabei ist Silvan Strauß nicht der typische Schlagzeuger „for hire“, der heute hier und morgen mal eben dort die geforderte Rhythmustapete ausrollt, sondern ein Schlagzeuger, der seine markanten Beats sehr gezielt setzt, ein musikalisches Spielkind mit dem Drang, es auch mal knallen und bollern zu lassen und die Musik auf eine neue Umlaufbahn zu schießen. Zudem nehmen Ensembles, in denen er nicht nur für den Beat zuständig ist, sondern als Produzent auch den Sound und die Gesamtkonzeption mitgestaltet, wie in dem Trio der portugiesischen Sängerin Maria João, einen immer zentraleren Raum in seiner Arbeit ein. Und schließlich gibt es noch TOYTOY, das Quartett mit seinen beiden Jugendfreunden, dem Perkussionisten Samuel Wootton und dem Gitarristen Alex Eckert, die gemeinsam zum Studium an der Musikhochschule aus dem Allgäu nach Hamburg zogen und dort ziemlich schnell auf den Bassisten Daniel Stritzke trafen, der dort auf einem ähnlichen musikalischen Dampfer unterwegs war. Gemeinsam studierten sie Jazz, entwickelten und verfeinerten ihr musikalisches Handwerkszeug und schafften sich die verschiedenen stilistischen Welten des Jazz drauf, so gut, dass sie dann, wenn es ernst wird, auf der Bühne nämlich, möglichst jederzeit in jede Richtung mitziehen können. TOYTOY ist die Achse der musikalischen Persönlichkeit von Silvan Strauß, eine Achse, über die er neben seinen hochentwickelten Jazz-Skills auch sein anderes musikalisches Leben ins Spiel bringen kann, jenes das in den Energien von Punk wurzelt, mit den Harmonien des Soul durchtränkt ist, mit den Sounds analoger Synthesizer und der mitreißenden Kraft der Rhythmen von Hip-Hop und der verschiedenen Formen elektronischer Tanzmusik. TOYTOY lässt sich verstehen als ein Versuch, die verschiedenen Fäden zusammenzuführen in einer Musik, die aus einer jetztzeitigen historischen Perspektive eine ähnliche Leistung zu vollbringen versucht, wie seinerzeit die Musik des Trios von Chick Corea. Es geht darum, die technischen Fertigkeiten, die Strauß und seine Kumpane im Studium errungen haben, dafür nutzbar zu machen, die kindliche Spielfreude, die am Anfang von allem stand, wiederzuerobern. Das abgedimmte Licht der Kulturtempel und den hölzernen Glanz des klassischen Instrumentariums hinter sich zu lassen und den Anschluss zu finden zu einer jüngeren Generation, die in den grellen Farben von Comics und den manchmal schepperigen Sounds analoger Synthesizer denkt. Doch neben all dem Spieltrieb, der Strauß’ Musik beseelt, gibt es auch die entgegengesetzte Seite, den Drang nach Perfektion, der nicht nur, aber ganz besonders prägnant seine Arbeit als Produzent prägt. Damit er befreit auf die Bühne treten kann, muss, so strebt er es zumindest an, alles stimmen. Gerade in den langen Jahren der Pandemie hat sich so für ihn die Zeit ergeben, nach Herzenslaune zu feilen und zu wienern und jedes Detail auf Kurs zu bringen. Der Effekt kommt all seinen Projekten zugute und ganz besonders jenen, mit denen er auf die Bühne geht, denn dort kann er sich, befreit von allen Sorgen um das Gelingen, in den Flow der Musik fallen lassen. In Bonn wird das das Trio von Maria João sein und die Zusammenarbeit von TOYTOY mit der Kölner Sängerin SALOMEA. In der Zwischenzeit hat Silvan Strauß schon wieder ein neues Abenteuer in Arbeit: ein Soloalbum – wahrscheinlich hat er noch einiges zu Schmirgeln. n 41 Mit seinen Projekten zwischen Jazz und Clubmusik ebnet der Schlagzeuger Silvan Strauß Grenzen zwischen den Generationen ein.

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