von Robert Haase

 

Was kann die Stimme uns sagen, wenn es nicht unbedingt Worte sind? Diese Frage hat sich Andreas Schaerer schon früh, im jungen Alter gestellt. Der schweizerische Vokalist trat im Rahmen des Jazzfestes Bonn 2018 mit seinem neuen Projekt A Novel Of Anomaly in der Aula der Universität Bonn auf. An seiner Seite der Schlagzeuger Lucas Niggli, Akkordeonist Luciano Biondini und Gitarrist Kalle Kalima. Zwei Schweizer, ein Italiener und ein Finne also. Hört sich erst einmal nach einer verrückten Formation an.

Mit drei vereinten Nationen kommen verschiedene musikalische Stile zusammen. Dem Quartett gelingt es trotz Sprachbarriere, alles miteinander zu arrangieren. Auf die Frage hin, wie er die Musik beschreiben würde, antwortet Schaerer: „Die Musik würde ich so beschreiben, dass vier Musiker als Menschen gemeinsam ihre Freude, die sie an der Musik und am Leben haben, teilen. Wir feiern eigentlich das Leben. Wir sind vier Freunde und wir haben eine schöne Zeit. Und im Idealfall können wir das mit dem Publikum zusammen feiern und wenn, dann wie eine gemeinsame große Festgemeinde, könnte man sagen.“

Kommunikative Bewegung – bewegende Kommunikation

Auf der Bühne sieht man die vier Musiker ab der ersten Minute in Bewegung. Beinahe analog zu den tonal auf- und absteigenden, rhythmisch anmutenden Stimmklängen im Lied „Aritmia“ bewegt sich Schaerer auf der Bühne fort. Hier ein kontrollierender Blick zum Schlagzeuger und dort ein Lächeln in Richtung des Publikums.

Meine Vermutung, italienische Worte herausgehört zu haben, wird schon nach dem zweiten Stück „Stagioni“ bestätigt. Beide seien Kompositionen vom Italiener Biondini, lüftet Schaerer und schließt an, bei der musikalischen Schöpfung wechsle man sich untereinander ab.

Schaerer, der im Gegensatz zu seinem Kollegen Kalle Kalima kein Finnisch spricht, muss da schnell mal in Antwort auf das Spiel der Anderen improvisieren. Improvisation ist etwas, das keinem Jazzmusiker fremd sein dürfte. Wenn allerdings mal ein technisches Problem auf der Bühne auftritt, ist das eine besondere Herausforderung. In Mitten des Konzerts war genau das der Fall. Keine allzu große Schwierigkeit für die eingespielten Freunde. Während Schaerer an den Rand der Bühne tritt, um für die Lösung des Problems kurzerhand Klebeband hinzuzuziehen, spielen Niggli, Biondini und Kalima weiter, als wäre das alles Teil des Konzerts. Die gespannten Blicke des Publikums sind spürbar. Solche Situationen fordern in besonderer Weise heraus, erzählt Schaerer: „Oft führt das auch zu ganz spannenden Momenten. Man ist gezwungen, den gewohnten Weg zu verlassen und das kann einen manchmal auch im positiven Sinne aufwecken und Ideen geben.

Unbekanntheit macht neugierig und regt die Fantasie an

Aufwecken und Ideen geben – das schafft A Novel Of Anomaly ganz bestimmt. Das bunt gemischte Quartett mit Einflüssen aus dem Jazz, Blues und Rock lässt sich nicht so richtig klassifizieren. Das will es vielleicht auch gar nicht. Das Projekt steht mit seiner Art der musikalischen Umsetzung mehr oder minder allein da. Nichtsdestotrotz stand hinter der Musik nie ein Gedanke der aktiven musikalischen Umgestaltung im Jazz, verrät Schaerer: „Ich denke, ich mache mir nicht Gedanken darüber, wo ich jetzt hingehe. Ich mache auch nie etwas, weil ich denke ‚Ich versuch jetzt was Neues.‘ Die Dinge passieren natürlich – zum Glück. Ich glaube nicht, dass das musikalische Kontingent aufgebraucht ist. Es gibt viele Dinge, die passieren werden in den nächsten 50 Jahren. Wir werden uns mit künstlicher Intelligenz auseinandersetzen. Wir werden müssen, ob wir wollen, oder nicht. Inwiefern das die Musik beeinflusst, weiß ich nicht. Es wird sie ganz sicher beeinflussen. Es werden ganz viele Dinge passieren. […] Das kommt darauf an, wie wir dem begegnen, was wir daraus machen, wie kreativ und vor allem fantasievoll und verspielt wir mit diesen Dingen umgehen.

Wenngleich Prognosen über zukünftige Bewegungen und Fortentwicklungen im Jazz so unsicher sein mögen, so gewiss ist doch die Musik von Andreas Schaerer und A Novel Of Anomaly. Das euphorisch belebte Spiel der vier Musiker weckt Gedanken und Gefühle, die unweigerlich eine Brücke zum Hier und Jetzt schlagen, was wiederum in Zeiten der inneren und äußeren Unruhe einen wertvollen Ankerpunkt liefert.

Mit der Abwechslung von schnellen und langsamen Stücken des Albums neigt sich das Konzert dem Ende zu. Zum Abschluss noch der kurze Austausch mit der glücklich lächelnden Sitznachbarin. Ein gutes Konzert. Ein gutes Konzert.

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