Ein Bericht zum Konzert von Makoto Ozone Trio und dem Eyolf Dale Quintett von Thomas Retzer und Leonie Kolter.

 

In seinen Ursprüngen schallte der Jazz zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus den Bars und Kneipen von New Orleans‘ berühmtem Rotlichtviertel Storyville. Rhythmisch und organisch, auf Elementen des Blues, Gospel, Polka und Ragtime basierend, stießen große Ensemble-Arrangements des neuen Stils bald auch in Chicago, New York und Memphis auf Begeisterung. Seither ist der Jazz eine Reise um den Globus angetreten und hat Musiker aus aller Welt inspiriert: Fernab der amerikanischen Wurzeln gaben Eyolf Dale aus Norwegen und Mokoto Ozone aus Japan nun beim neunten Bonner Jazzfest ihr Können zum Besten.

 

Geographische Isolation statt multikulturellem Schmelztiegel

Den Auftakt eines mitreißenden Konzertabends im LVR Landesmuseum machte Dale mit seinem norwegischen Quintett, das vorwiegend Stücke aus dem erst kürzlich erschienenen Album „Return to Mind“ vortrug. Bei den Arbeiten an seiner neuesten Musik bediente Eyolf Dale das Klischee des einsamen Musikers: Zurückgezogen spielte er erste Aufnahmen in einer Waldhütte abseits seiner Heimat Oslo ein. „Norwegen beeinflusst alles, denn es ist, wo ich lebe. Es ist, wo ich meine Freunde habe, wo ich auf Konzerte gehe. Das Gefühl, in Norwegen zu sein, ist alles für mich“, so Dale. Seine Ausführungen zu seinem kreativen Schaffensprozess in vollkommener Isolation erinnern unweigerlich an die Position des Außenstehenden, die sein Geburtsland in der Jazzmusik-Geschichte eingenommen hat. „Wir sind geographisch weit entfernt vom Zentrum des Jazz“, erklärt der 33-Jährige. „Historisch gesehen mussten wir unseren eigenen Spielstil erfinden.“ Als in den 1950er- und 1960er Jahren einige Jazz-Stars aus Übersee ihre Welttourneen antraten, ließen sie den Norden Europas aus. Dale: „Das hat wohl dazu geführt, dass wir mehr über unsere eigene Folk-Musik nachgedacht haben. Diese haben wir dann mit unserem Eindruck vom amerikanischen Jazz kombiniert.“ Viel Erfahrung im Zusammenspiel mit amerikanischen Jazzmusikern hat hingegen Makoto Ozone aufzuweisen. Bei seinem Auftritt im Rahmen des Jazzfest wurde er von den Amerikanern James Genus am Bass und Clarence Penn am Schlagzeug begleitet, die er seit über zwanzig Jahren kennt.

In seiner Heimatstadt Kobe wurde dem heute 57-Jährigen die Musik förmlich in die Wiege gelegt. Sein Vater wurde in einer reichen Familie geboren, konnte die Genres hören, die er wollte – und fand im Jazz schließlich so viel Inspiration, dass er Konzertpianist wurde. „In Kobe haben viele amerikanische Menschen und Musiker gelebt“, erklärt Ozone. „Darum konnte mein Vater den ‚echten‘ Jazz hören, und nicht nur die Aufnahmen.“ Seine Heimat beschreibt Ozone als multikulturellen Schmelztiegel. „Hier kommen deutsche Einflüsse und indische Einflüsse zusammen, ebenso französische. Es ist eine interessante Stadt mit einem der ältesten Häfen.“ Auch seine persönlichen Erfahrungen stehen sinnbildlich für die historische Entwicklung des Jazz in seinem Geburtsland: Durch ihre Anstellung in Orchestern luxuriöser Kreuzfahrtschiffe gelangten asiatische Musiker in den 1910er Jahren nach San Francisco und Seattle, besuchten dort Plattenläden, kauften Jazz-Noten und brachten den Musikstil zurück in die Häfen von Kobe oder Osaka und darüber hinaus. Den Erzählungen Ozones und einem Bericht des amerikanischen National Public Radio (NPR) folgend, herrscht in Japan heute eine regelrechte Jazz-Euphorie. Diese kommt unter anderem in einer Vielzahl von Klavierkonzerten, speziellen Musik-Cafés und den Werken des Schriftstellers Haruki Murakami zum Ausdruck.

 

Amerikanischer Puls und ausgeprägtes Rhythmusgefühl

Dass die amerikanische Jazzmusik einen großen Einfluss auf ihr musikalisches Schaffen hat, streiten beide Musiker nicht ab. Doch wo Dale betont, dass seine Inspiration vor allem von den „Sounds in meinem Kopf“ ausgeht und bescheiden auf Distanz zu Amerika geht („Es ist schwierig für uns Norweger, wirklich amerikanischen Jazz zu spielen. Denn wir sind keine Amerikaner, wir sind Norweger“), hebt Ozone seine Bewunderung über das Zusammenspiel mit seinen amerikanischen Kollegen hervor: „Sie haben einen bestimmten Puls, den ich sehr mag, besonders, wie sie den Beat spielen. Oder wie sie den Abstand zwischen dem Beat spielen. Es ist sehr intensiv. Die Kraft zwischen den Noten steht im Fokus, wie beim Funk.“ Es sind Nuancen, deren Bedeutung jedoch schwerwiegend ist. Dadurch ergibt sich in seinen Augen ein Unterschied zwischen amerikanischen und allen anderen Musikern. Ozone kommentiert: „Ich würde nicht sagen, dass jemand besser ist, bloß anders.“ Und fügt umgehend an: „Als Jazzmusiker genieße ich den Unterschied.“ In seinen Geschichten deutet Ozone immer wieder auf die Grundwerte einer Musikrichtung, die sich ob ihrer überschaubaren Popularität im jungen Publikum zunehmend bewegt sieht, ihre eigene Rolle zu reflektieren. Zum Kern gehört demnach die Energie im Zusammenspiel über kulturelle Grenzen hinweg, die Kommunikation zwischen Musikern und Publikum, eine Freude am gemeinsamen Erlebnis.

Dale und Ozone wandeln ihre Energie um in eine beachtliche Produktivität, die auf eine immense Bedeutung der Lebensumgebung für das kreative Schaffen eines Musikers schließen lässt. Während Ersterer trotz Album-Veröffentlichung im März nur wenige Tage nach seinem Auftritt beim Jazzfest zurück in Norwegen die Arbeit an einem neuen Album aufnahm, übt Ozone klassische und populäre Werke von Mozart bis George Gershwin um am Instrument fit zu bleiben, erforscht die Grenzen zwischen Jazz und Klassik und vermittelt darüber hinaus sein Wissen an Klavierschüler. Der Austausch mit seiner Heimat hat dabei auch für ihn einen hohen Stellenwert: Nach Aufenthalten in Boston und New York lebt er wieder in Tokyo. Ende des Monats ist im Rahmen des „Kobe Jazz Festival“ ein Konzert in seiner Heimatstadt geplant. Den Konzertabend in Bonn beschloss Ozone nach stehenden Ovationen mit einer auffällig ruhigen und melancholischen Zugabe, deren simpler Titel eine treffliche Wahl schien: „Home“.

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